Teilprojekt Andreß/Stichweh: Exklusionsprobleme in der Weltgesellschaft

1 Allgemeine Angaben zum Sonderforschungsbereich

Werden nicht publiziert.

2 Überblick über die bisherige und die beantragte Förderung des Sonderforschungsbereichs

Wird nicht publiziert.

3 Teilprojekt: Exklusionsprobleme in der Weltgesellschaft: glokale Muster der Marginalisierung

3.1 Allgemeine Angaben zum Teilprojekt

Werden nicht publiziert.

3.2 Zusammenfassung

Das Projekt untersucht Exklusionsprobleme der modernen Gesellschaft. Die These ist, daß Exklusion immer lokal anfällt und auch lokal bearbeitet wird, die Instanzen der Inklusionsvermittlung, d.h. vor allem der nationalstaatlich verfaßte Wohlfahrtsstaat, unter Globalisierungsbedingungen jedoch Autonomie- und Souveränitätsverluste erleiden. Mithin steht die glokale Dynamik der Globalisierung im Zentrum der Projektarbeiten. Theoretischer Ausgangspunkt ist die Theorie funktionaler Differenzierung. Sie geht davon aus, daß Exklusionen aus einzelnen Funktionssystemen nicht aufeinander zurückgeführt werden können. Da Funktionssysteme autonom sind, lassen sich je spezifische Inklusionen von Personen, Gruppen und Organisationen in die einzelnen Funktionssysteme identifizieren, so daß jede Person über eine Pluralität von Inklusionschancen verfügt. Entsprechendes gilt für Exklusionen. Diese sind gleichfalls auf je einzelne Funktionssysteme bezogen, also voneinander abgekoppelt, und sie mögen als einzelne Exklusionen auch ganz unproblematisch sein. Exklusionen können einander aber kumulativ verstärken und zu Formen eines kompakten Ausschlusses aus weiten gesellschaftlichen Bereichen führen. Das Forschungsprojekt richtet sich auf Exklusionen in diesem Sinn, als einen multidimensionalen, kumulativen und sequentiell vernetzten Prozeß, und fragt danach, welche Muster der Exklusion in verschiedenen Nationalstaaten beobachtbar sind, die durch unterschiedliche strukturelle Kopplungen von Funktionssystemen gekennzeichnet sind.

Eine zentrale analytische Kategorie ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Exklusionskarriere. Drei relevante Aspekte von Exklusionskarrieren sind zu unterscheiden: 1. Startpunkte, 2. Beschleuniger und 3. Auffangmechanismen. Als Startpunkte von Exklusionskarrieren kämen bestimmte Funktionssysteme vorrangig in Frage: z.B. Wirtschaft und Familie bzw. Intimbeziehungen, aber auch (Schul)Erziehung. Andere Funktionssysteme würden sich eher dadurch auszeichnen, daß sie Auffang- oder Stopmechanismen für Exklusionskarrieren zur Verfügung stellen. Man könnte hier denken an Politik (als Wohlfahrtsstaat), Recht, Religion oder das Gesundheitssystem (im Sinne des Legitimierens des temporären Ausscheidens aus gesellschaftlichen Rollenverpflichtungen). Schließlich ließen sich Beschleunigungsmechanismen benennen, an denen auffällt, daß es sich um Kategorien sozialer Differenzierung handelt, die quer zu funktionaler Differenzierung liegen: Raum, ethnische Differenzierung, soziale Schichtung. Die These ist, daß die Startpunkte, Beschleuniger und Auffangmechanismen von Exklusionskarrieren einerseits nationalstaatlich variieren, andererseits aber auch einem globalen Angleichungsprozeß unterliegen, weil die Steuerungskapazitäten der lokalen Inklusionsinstanzen abnehmen. Insofern geht es in diesem Projekt um die nationalstaatlichen Konvergenzen und Divergenzen der Strukturform Lebenslauf. Da diese mit unterschiedlichen strukturellen Kopplungen der Funktionssysteme in den Nationalstaaten erklärt werden, wir die Strukturform Funktionssysteme immer mitgedacht.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich ein mehrjähriges, international vergleichendes Forschungsprogramm, das die Analyse von Exklusionsphänomen in der modernen Gesellschaft sowohl theoretisch als auch empirisch weiter vertiefen soll. In der ersten Förderphase verfolgt das Projekt einen Multi-Methodenansatz bestehend aus Literaturexpertisen für ausgewählte Nicht-OECD-Staaten, einer Sekundäranalyse kritischer Lebensereignisse in vorhandenen Längsschnittdatensätzen und biographischen Interviews mit Gruppen von Individuen, bei denen a priori eine Kumulation von Exklusionsrisiken vermutet werden kann.

3.3 Stand der Forschung

In den Sozialwissenschaften und den angrenzenden Disziplinen wird seit einiger Zeit eine lebhafte Debatte darüber geführt, ob und in welchem Maße in den westlichen Industriegesellschaften die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe für bestimmte Bevölkerungsgruppen in zunehmendem Maße eingeschränkt sind, ob man sogar von Formen sozialen Ausschlusses sprechen kann und wie die Muster und Verlaufsformen dieser Marginalisierungsprozesse erklärt werden können. Eine zentrale Rolle bei der Erklärung dieser Phänomene spielen dabei die unter dem Stichwort Globalisierung zusammengefaßten wirtschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und die damit zunehmend enger werdenden Eingriffsmöglichkeiten des Wohlfahrtsstaates. Nach Jahren wirtschaftlichen Aufschwungs und des zunehmenden Ausbaus des Sozialstaats ist die Frage der gesellschaftlichen Integration erneut prekär geworden.

3.3.1 Armut

Am deutlichsten ist dieser Trend an der Renaissance des Armutsthemas in der Bundesrepublik erkennbar. Während Leibfried und Voges 1992 in ihrer Einführung zu einem Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie über "Armut im modernen Wohlfahrtsstaat" noch fragten, "warum sich in Deutschland keine Forschungstradition in der Soziologie der Armut bzw. in der sozialwissenschaftlichen Befassung mit Armut herausgebildet hat" (Leibfried/Voges 1992: 10), sind mittlerweile eine ganze Reihe solcher Untersuchungen erschienen (z.B. Hauser / Hübinger 1993, Hanesch et al. 1994, Leibfried et al. 1995, Hübinger 1996, Chassé 1996, Andreß 1999, Leisering / Leibfried 1999), etliche Sammelbände sind verfaßt (z.B. Döring et al. 1990, Zwick 1994, Bieback / Milz 1995, Müller / Otto 1997, Andreß 1998, Klocke / Hurrelmann 1998), und allenthalben werden auf kommunaler, Landes- und Bundesebene Armuts- und Sozialberichte geplant und erstellt. Durch entsprechende internationale Übersichten (z.B. Oyen et al. 1996, Huster 1996) lassen sich die bundesdeutschen Ergebnisse im übrigen im internationalen Vergleich einordnen.

Eine sehr allgemeine Definition bezeichnet die Personen als arm, "deren Ressourcen zur Deckung ihrer lebensnotwendigen Bedürfnisse nicht ausreichen" (Andreß 1999: 71). Ressourcen sind dabei die Mittel, die eine Person benutzt, um bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen. Um welche Bedürfnisse es sich dabei konkret handelt, vor allem: um welche "lebensnotwendigen", ist abhängig von den historischen und sozialen Zeitumständen, und daher schwierig zu beantworten. Jede Spezifikation menschlicher Bedürfnisse, anders ausgedrückt: jede Festschreibung eines bestimmten Bedarfs, ist daher in hohem Maße mit Werturteilen verbunden. Dementsprechend lassen sich Armutsindikatoren unterscheiden, die entweder die Ressourcen erfassen, über die Individuen verfügen, oder die die Ergebnisse der Ressourcenverwendung betrachten, d.h. die Befriedigung bestimmter Bedarfe und die Erzielung eines bestimmten Lebensstandards. Ringen (1988) spricht in diesem Zusammenhang von indirekten und direkten Armutsindikatoren.[1] In den meisten Untersuchungen überwiegt die Betrachtung des Ressourcenaspektes, häufig reduziert auf die Frage, ob die verfügbaren Einkommen ein statistisch, politisch oder anderweitig definiertes Minimaleinkommen unterschreiten. Vereinzelt wird jedoch auch eine Analyse der Einkommensverwendung, des erzielten Lebensstandards oder der konkreten "Lebenslage" (Neurath, Weisser) der Individuen vorgenommen, häufig verbunden mit dem Hinweis, daß Armut ein multidimensionales Phänomen sei, das nicht allein auf den Einkommensaspekt reduziert werden könne.

Untersuchungsziele sind der quantitative Umfang und die sozio-demographische Zusammensetzung der Armutspopulation, die Einstiegs- und Austiegsursachen sowie die Dauerhaftigkeit der Armutsepisoden. Für die Bundesrepublik konnte gezeigt werden, daß das Modell einer Zwei-Drittel-Gesellschaft den quantitativen Umfang der Armut übertreibt, daß ein kleiner Teil der Betroffenen dauerhaft in Armut verbleibt, ein Großteil der Armutsepisoden jedoch temporärer Natur ist, die "Aufstiege" aus Armut allerdings häufig nur in einen "prekären" Wohlstand (Hübinger) führen. Die sozio-demographische Struktur der Armutspopulation hängt sehr stark vom verwendeten Meßkonzept ab, die ausgewiesenen Indikatoren weisen jedoch darauf hin, daß die Armutsursachen nicht allein in den veränderten Arbeitsmarktbedingungen liegen, sondern ebenso auf veränderte Partnerschafts- und Familienbeziehungen sowie die Unzulänglichkeiten des Wohlfahrtstaates zurückgeführt werden müssen.

Summa summarum wird die Existenz von Armut in den wenigsten Fällen abgestritten, umstritten ist vor allem ihr quantitativer Umfang und ihr zeitlicher Entwicklungstrend, wobei die Erklärung der Armutsursachen angesichts des deskriptiven Zuschnitts der meisten Studien viele Fragen offen läßt. Was die Ressourcenfrage anbetrifft, so wird Armut in den meisten Untersuchungen als ein Aspekt (extremer) sozialer Ungleichheit konzipiert. Warum unzureichende Ressourcen im einen Fall zu Armut führen, im anderen aber nicht, hängt wiederum von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab, z.B. von den Wirkungen wohlfahrtsstaatlicher Interventionen, von der privaten Lebensführung und den Kompetenzen der Individuen, die sich nicht in einfacher Weise auf soziale Ungleichheit zurückführen lassen und daher zu vielfältigen Formen "horizontaler" Differenzierung führen.[2] Gleichwohl kann nicht übersehen werden, daß ein Großteil der von Armut betroffenen Personen eher den unteren Bildungsschichten zugerechnet werden muß.

3.3.2 Urban underclass

In Großbritannien und den Vereinigten Staaten hat die Armutsforschung eine sehr viel längere Tradition. Durch die stärkere räumliche und ethnische Differenzierung der US-Gesellschaft hat sie darüber hinaus auch noch eine andere Dimension als in Kontinentaleuropa. Die Probleme, die mit steigenden Zuwandererzahlen und einer gewissen infrastrukturellen Verarmung bestimmter, vor allem städtischer Räume verbunden sind, können aber auch hier nicht übersehen werden. Der Begriff der "urban underclass", der von W.J. Wilson (1987) für die Analyse der Armutsghettos der US-amerikanischen Städte verwendet wurde, hat daher unter europäischen Armutsforschern und Stadtsoziologen eine verstärkte Aufmerksamkeit gefunden. Mitglieder der "underclass" sind nach Wilson gekennzeichnet durch zwei Eigenschaften: erstens durch eine marginale ökonomische Position bzw. durch eine prekäre Einbindung in den Arbeitsmarkt, die zweitens durch Prozesse sozialer Isolation in Gebieten mit hoher Armutsverdichtung verstärkt wird (Wilson 1991: 474).

Für Wilson handelt es sich dabei um eine neue soziale Kategorie von Individuen, die nicht mit den üblichen Begriffen einer Klassen- oder Schichtentheorie beschrieben werden kann (Wilson 1991: 475). Unklar bleibt, ob es ihm dabei lediglich um eine Erweiterung der üblichen Typologien um eine weitere Schicht, die "underclass", geht oder ob er sich mit diesem Begriff vom Modell einer stratifizierten Gesellschaft insgesamt verabschiedet. Das empirisch Interessante an diesem Ansatz ist die Berücksichtigung des (sozialen) Raumes und der Sozialbeziehungen bei der Erklärung dauerhafter, innerstädtischer Armutsphänomene (vgl. Friedrichs 1998 für eine Explikation der Wilson'schen Theorie). Dabei hat der Ansatz gewisse Gemeinsamkeiten mit Lewis' (1966) Konzeption einer Kultur der Armut, in der ebenfalls davon ausgegangen wird, daß es zu einer Verselbständigung einer eigenen Subkultur kommt, deren wesentliche Merkmale innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Für die Bundesrepublik hat insbesondere Kronauer (1995, 1998a) die Verwendbarkeit dieses Konzepts für die Analyse von Phänomenen sozialer Ausschließung geprüft. Er kommt dabei zu dem Schluß, daß sich in Deutschland erstens eine neue Spaltung zwischen denjenigen abzeichnet, "die Zugang zum Erwerbssystem haben, und denjenigen, die dauerhaft von ihm ausgeschlossen sind. Zweitens: In Deutschland sind die am Arbeitsmarkt Ausgegrenzten weniger sichtbar als in anderen europäischen Ländern. Es entsteht jedoch eine eigene 'soziale Schicht der Dauerarbeitslosen', die es in dieser Weise nach dem Krieg bislang nicht gegeben hat. In ihr verbindet sich eine bestimmte objektive soziale Lage mit spezifischen Bewußtseinsformen und Verhaltensmustern (soziale Ausgrenzung)" (Kronauer 1995: 201f.). Entscheidend für den von Kronauer konstatierten Tatbestand der sozialen Auschließung ist also neben der "objektiven Lage" dieser Gruppe am Arbeitsmarkt der besondere Charakter ihrer Sozialbeziehungen, weniger die Frage ihrer Wohnorte.

Der Einfluß der räumlichen Segregation auf die Verstärkung von Armutsphänomenen ist in der Bundesrepublik dagegen vor allem in Fallstudien für einzelne Stadtviertel oder für bestimmte innerstädtische Quartiere (z.B. Hochhausviertel) illustriert worden (für einen kurzen Überblick vgl. Friedrichs 1998; vgl. auch O'Loughlin/Friedrichs 1996). Insbesondere als Folge einer zunehmenden Globalisierung wird dabei unterstellt, daß es erstens zu einer Verdrängung von niedrigen Einkommensgruppen aus innenstadtnahen Wohngebieten (gentrification) kommt, daß zweitens die soziale und ethnische Segregation zunimmt und daß es drittens eine ansteigende Anzahl von Armutsvierteln geben wird (Friedrichs 1997: 10). Es wäre jedoch übertrieben zu behaupten, diese Hypothesen seien für die Bundesrepublik über die genannten Fälle hinaus systematisch überprüft worden.

3.3.3 Soziale Exklusion

In der europäischen Diskussion, insbesondere in den entsprechenden Programmatiken der Europäischen Union, dominiert statt des Armutsbegriffs der Begriff der sozialen Exklusion. Ursprünglich scheint dieser Begriff auf ein Buch des französischen Staatsbeamten René Lenoir (1974) mit dem Titel "Les exclus. Un Francais sur dix" zurückzugehen. Stichweh erklärt den Entstehungszusammenhang des Begriffes damit, "daß es 'Sozialpolitik' als eine etablierte politische und theoretische Kategorie in Frankreich im Unterschied zu England und Deutschland nicht zu geben scheint, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß Probleme des Ausschlusses größerer Bevölkerungskategorien als eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Differenzierung gesehen werden. Das ermöglicht dann auch die Zusammenfassung extrem heterogener Kategorien von Betroffenheit (also beispielsweise: psychisch Kranke, körperliche Behinderung, Armut, Invalidität, Suizid, Kindesmißbrauch, Kriminelle, alleinerziehnde Eltern), wie wir sie im Buch von René Lenoir [...] finden. Ein Zweites ist, daß es in Frankreich nahezuliegen scheint, Exklusion als einen Bruch der nationalen oder der gesamtgesellschaftlichen Solidarität zu denken, was im Unterschied zur liberalen Tradition, die vielfach in der angelsächsischen Welt dominiert, erneut einer Individualisierung der Problemlagen und vielleicht auch der sozialpolitischen Instrumente entgegenwirkt" (1997a: 125).

Die Verbreitung des Begriffes in Europa erklärt sich vor allem durch die Armutsbekämpfungsprogramme der Europäischen Kommission. Während es in dem 1984 initiierten, ersten Programm noch hieß: "Im Sinne dieses Beschlusses sind verarmte Personen Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, daß sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist" (Rat der Europäischen Gemeinschaften 1985), ist Ende der achtziger Jahre im dritten Programm nur noch von den am wenigsten privilegierten Gruppen die Rede. Im Zusammenhang mit dem dritten Programm wurde ein "Observatory on National Policies to Combat Social Exclusion" eingesetzt, und von da an ist der Begriff "Social Exclusion" Teil der offiziellen Sprache der Europäischen Gemeinschaft. Eine Operationalisierung des Begriffs findet sich im Bericht des Koordinators, Graham Room: "[Individuals] suffer social exclusion where a) they suffer generalized disadvantage in terms of education, training, employment, housing, financial resources, etc.; b) their chances of gaining access to the major social institutions which distribute these life chances are substantially less than those of the rest of the population; c) these disadvantages persist over time" (Room 1990). Während die Armutsdefinition des ersten Programms zwei wesentliche Elemente enthielt, die an die berühmte Armutsstudie von Peter Townsend (1979) erinnern: das Fehlen verschiedener Ressourcen und der Vergleich mit dem Lebensstandard des jeweiligen Landes, werden jetzt die einzelnen Ressourcen genauer aufgezählt und die Mechanismen[3] betont, die Individuen (dauerhaft) von den Institutionen fern halten, die diese Ressourcen verteilen. An der grundsätzlichen Konzeption Townsends, nach der Armut eine negative Abweichung von der gesellschaftlichen Norm ist, die durch unzureichende Resssourcen verursacht wird, hat sich damit jedoch nichts geändert.

Schaut man sich die empirischen Forschungen an, die unter dem Oberbegriff "Soziale Exklusion" laufen, dann ist die Heterogenität der untersuchten Gruppen auffällig. Hilary Silver (1994: 548f.) zählt insgesamt 23 verschiedene Gruppen, auf die sich einschlägige Untersuchungen bezogen, und stellt dementsprechend fest: "exclusion appears to be a vague term loaded with numerous economic, social, political, and cultural connotations and dimensions" (1994: 536). Die unklare Abgrenzung vom Armutsbegriff und die Heterogenität der empirischen Anwendungen hat in der Folge eine umfangreiche begriffliche Debatte ausgelöst. Dabei wurde argumentiert, daß Armut auf Verteilungsaspekte abhebe, während es bei Fragen der (sozialen) Exklusion um Interaktionen oder Relationen zwischen verschiedenen Akteuren gehe. Exklusion würde einen Prozeß bezeichnen, während Armut einen Zustand charakterisiere. Armut wäre zudem ein eindimensionales, im wesentlichen auf Einkommen abstellendes Konzept, während Fragen der Exklusion per se multidimensional seien. Auch bei der empirischen Eingrenzung der von Armut bzw. Exklusion betroffenen Personen zeigen sich die unterschiedlichen Auffassungen über das Exklusionskonzept: Während die einen von einer umfassenden Definition von Exklusion ausgehen, die die Armen einschließt, markiert Exklusion für die anderen den Endpunkt extremer Armut, der nur eine Teilgruppe der Armutspopulation betrifft.

Die gesellschaftstheoretische Bedeutung des Exklusionsbegriffs wird jedoch deutlich, wenn man Armut und Exklusion mit ihrem jeweiligen Gegenteil vergleicht: Reichtum und Integration. Auffällig ist zudem der zeitliche Kontext, in dem beide Begriffe entstanden. Im 19. Jahrhundert beschreibt die Armutsproblematik die Lebensbedingungen der arbeitenden Klassen als Ergebnis eines Ausbeutungsprozesses durch die herrschende Klasse. Natürlich konnten sich die Arbeiter den Lebensstil der Bourgeoisie nicht leisten, sie waren jedoch nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen, sondern ein integraler Bestandteil derselben. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit war die Triebfeder gesellschaftlicher Entwicklung. Das Verhältnis von Reichen und Armen zueinander läßt sich daher nur unter Rekurs auf die jeweils andere Gruppe verstehen (Procacci 1993). Politische Programme zur Abwendung von Armut zielten dementsprechend auf eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums ab und weniger auf eine Integration der arbeitenden Klassen in den Lebensstil der Bourgeoisie.

Ende des 20. Jahrhunderts stellt sich die Situation fundamental anders da (Kronauer 1998): Nach einer Periode ungebremsten wirtschaftlichen Wachstums, eines steten Ausbaus sozialstaatlicher Sicherungssysteme, des Entstehens einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" schien die Utopie von Wohlstand und sozialer Sicherheit für alle eingelöst. Dieses kurze "goldene Zeitalter des Kapitalismus" erfährt jedoch Mitte der siebziger Jahre mit der ersten Ölkrise weltweit eine Wende, und mit den wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte ist die Frage der sozialen Integration aller Gesellschaftmitglieder, die bereits gelöst schien, erneut prekär. Auf diesem Hintergrund bezeichnet die Frage der sozialen Exklusion im Gegensatz zur Armutsfrage des letzten Jahrhunderts eine neue Qualität: Es geht um die Personen, die aus dem Main-Stream der Gesellschaft herausfallen, deren Kontakt zur sozialen Ordnung unterbrochen ist, kurz: um die, die desintegriert sind.

3.3.4 Gesellschaftliche Teilhabe und Systemtheorie

In der Systemtheorie wird die Frage gesellschaftlicher Teilhabe von Individuen, aber auch von Bevölkerungsgruppen mit Hilfe der Leitunterscheidung Inklusion/Exklusion behandelt. Das schließt einerseits an den Katalog von sozialen Berechtigungen an, den T.H. Marshall in seiner Theorie des Wohlfahrtsstaats entwickelt hat und aus dem Parsons eine Theorie der Inklusion, im Sinne der Teilhabe von immer mehr Individuen an den großen Funktionskomplexen der modernen Gesellschaft (Erziehung, Wirtschaft, Politik), gemacht hat (Marshall 1964; siehe dazu Parsons 1978). Einflußreich war andererseits die Rollentheorie von Siegfried Nadel (Nadel 1957). Nadel weist erstmals darauf hin, daß mit der Differenzierung sozialer Rollen in einfachen Gesellschaften (Heiler, Priester etc.) auch eine Differenzierung der diesen Rollen jeweils gegenüberstehenden Publika einhergeht. Auch mit Bezug auf diese Publikumsrollen gibt es dann sowohl die Möglichkeit der Teilhabe wie die Möglichkeit des Ausschlusses von Teilhabe.

Aus diesen Vorentwicklungen heraus hat Niklas Luhmann eine Systemtheorie der Inklusion und der Exklusion formuliert (Luhmann 1977: 234-242, Luhmann/Schorr 1979: 29-34, Luhmann 1981: Kap. IV, Stichweh 1988, Luhmann 1995), die in relevanten Hinsichten die Nachfolge der soziologischen Theorie der Ungleichheit und der soziologischen Theorie der Armut anzutreten beansprucht. Die Theorie der Inklusion/Exklusion besetzt in der Systemtheorie die Funktionsstelle, die bei Pierre Bourdieu die Theorie der Kapitalformen einnimmt (Bourdieu 1983). Inklusion meint den Sachverhalt, daß ein Individuum oder eine Population in den Kommunikationsprozessen eines sozialen Systems berücksichtigt, bezeichnet oder adressiert (Fuchs 1997b) wird. Exklusion bedeutet dann den umgekehrten Sachverhalt, daß eine solche Bezeichnung nicht erfolgt, wobei Exklusion sowohl die Form eines Nichtereignisses (es kommt keine inklusive Kommunikation vor) wie die Form des explizit vollzogenen Ausschlusses haben kann. Mit dem Wechsel der Differenzierungsformen in der gesellschaftlichen Evolution (von segmentär zu stratifiziert zu funktional differenziert) wechseln auch die Weisen gesellschaftlicher Exklusion, weil der Exklusionsbegriff sich in der Systemtheorie zunächst auf die Form der Systembildung bezieht, die den Primat in der gesellschaftlichen Differenzierung einnimmt, und das sind in der Moderne die funktional ausdifferenzierten Teilsysteme der Gesellschaft wie Wirtschaft, Politik, Religion etc. Exklusion meint also die kommunikative Nichtberücksichtigung in einem oder mehreren dieser Systeme und die kumulativen Folgen dieses Nichteinbezogenseins.

Am engsten verwandt ist das systemtheoretische Verständnis von Inklusion und Exklusion mit der Sozialtheorie von Michel Foucault, die gleichfalls eine durch historische Studien untermauerte Theorie des Einschlusses und des Ausschlusses von Personen entwirft. Ein Punkt, in dem sich die Systemtheorie mit Foucault trifft, ist die These, daß in der modernen Gesellschaft seit dem Epochenbruch des 18. Jahrhunderts Exklusion vielfach in die Form einer Inklusion "gekleidet" wird (Luhmann 1995: 242). Dies ist der Grund, warum für Foucault der Theorie des Gefängnisses strategische Bedeutung zukommt (Foucault 1975). Das Gefängnis ist ein Ort des Ausschlusses aus der Gesellschaft. Es schneidet einen großen Teil der normalen gesellschaftlichen Kontakte ab, und zugleich wird es als ein Instrument der Resozialisation verstanden, was sich in vielfältigen Rechten dokumentieren kann, die dem Strafgefangenen das Knüpfen und Erhalten von gesellschaftlichen Vernetzungen erlauben (siehe Ziemann 1998). Foucault spricht mit Bezug auf die moderne Form der Exklusion von "exclusion sur place" (Foucault 1974: 590), womit zum einen gemeint ist, daß es keine physische Grenze der Gesellschaft mehr gibt, die im Augenblick der Exklusion überschritten werden könnte, so daß die Exklusion vielmehr im "Inneren" der Gesellschaft stattfinden muß.[4] Dies gilt um so mehr in einer Weltgesellschaft, in der es auf der Erde für die Gesellschaft kein räumliches "Außen" mehr gibt. "Exclusion sur place" kann aber auch heißen, und dies ist der primär bei Foucault gemeinte Sinn, daß die Exklusion sich demonstrativ, vor den Augen aller, um des Darstellungseffekts willen vollzieht. Demgegenüber scheint aber in der Moderne der Trend dominant, die Exkludierten möglichst unsichtbar werden zu lassen und deshalb für Exklusion die verbliebenen Optionen einer räumlichen (und manchmal auch zeitlichen) Differenzierung zu nutzen, auch wenn dies unhintergehbar innerhalb der Gesellschaft geschehen muß (siehe interessant bei Murray 1999 das Konzept der "custodial democracy").

Eine weitere Komponente eines systemtheoretischen Verständnisses von Exklusion ist in einer kommunikationsbasierten Gesellschaft die Zentralität von Kommunikation. Exklusion meint nicht primär das Ausgeschlossensein von materiellen Ressourcen, sondern das Herausfallen aus Prozessen gesellschaftlicher Kommunikation, über welche auch der Zugang zu materiellen Ressourcen läuft. Dieser Stilwechsel in der Exklusion[5] hat das subjektive Korrelat, daß man Gesellschaft als einen fortlaufenden Prozeß der Selbstreproduktion durch kommunikative Akte hindurch erfährt und sich selbst als jemanden beobachtet, der in relevanten Hinsichten daran nicht mehr teilnimmt, z.B., weil man keine Möglichkeiten der Wiedererlangung von Zahlungsfähigkeit sieht, die Suche nach Arbeit aufgegeben hat oder sich nicht vorstellen kann, je wieder höchstpersönliche Beziehungen zu einem anderen Menschen aufzunehmen.

3.3.5 Globalisierung und Wohlfahrtsstaat

Die Vermehrung und Intensivierung von weltweiten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Beziehungen wird als Globalisierung bezeichnet. Im Zuge dieser Globalisierung wird von vielen Autoren, wenn auch aus unterschiedlichen theoretischen Blickwinkeln, eine Veränderung der Exklusionsrisiken angenommen. "We are living through a period of profound social and economic change. Advances in information, communication, and transportation technologies have tied nation states into an increasingly complex web of global trade and production.", beginnt die Einleitung (McFate 1995: 1) zu einem jüngst erschienenen Sammelband der Russell Sage Foundation über Armut, Ungleichheit und die Zukunft der Sozialpolitik, um sodann festzustellen, daß im Ergebnis eine zunehmende Anzahl von Individuen aus den dynamischen Sektoren des entstehenden Weltsystems der Produktion ausgeschlossen sei. "In the midst of the affluence and excess of the 1980s, most Western nations experienced an increase in unemployment and poverty that has left traditional safety nets sagging and policy makers scrambling to adjust programs to fit a changing economic environment. Despite differences in the governing structures, institutional arrangements, and generosity of income assistance among the countries studied here [...], they all faced the same set of constraints -- an aging population whose support is a politically 'fixed' but increasingly burdensome expense; rising unemployment among a more ethnically and culturally diverse workforce; and a growing number of economically vulnerable households, headed by single individuals with limited earnings potential. Each of these developments challenges the effectiveness of traditional welfare state operations" (McFate 1995: 1f.).

Das Zitat macht sehr schön die Gemengelage aus wirtschaftlichen, demographischen, sozialen und politischen Veränderungen deutlich, die die aktuellen Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Teilhabe und ihrer politischen Gestaltung kennzeichnen. Aus der Literatur lassen sich verschiedene Prognosen über die Entwicklung der Exklusionsrisiken ableiten, die allesamt mehr oder weniger direkt auf veränderte Handlungsbedingungen der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Zuge der Globalisierung abstellen. Das hat damit zu tun, daß der Nationalstaat spätestens seit dem 19. Jahrhundert versucht hat, Exklusionsprobleme mittels wohlfahrtsstaatlicher Programme zu bearbeiten.[6] Kaufmann weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß "alle bisherigen theoretischen Bemühungen zum Verständnis der Sozial- und Wohlfahrtsstaatlichkeit [..] den Nationalstaat als entscheidend voraus[setzen]" (1997: 11; Herv. A./S.), und gerade dieser habe durch die mit der Globalisierung verbundenen Prozesse "eine starke Beeinträchtigung von Souveränität und Autonomie" (ebd.: 12) erfahren. Dementsprechend spielt dessen mangelnde oder veränderte Steuerungskapazität eine entscheidende Rolle bei der Frage, wer von Exklusion betroffen ist, wo diese Phänomene geographisch sichtbar werden und ob von einer zeitlichen Zunahme, Abnahme oder Konstanz auszugehen ist.

Mindestens drei, sich zum Teil ergänzende Argumentationslinien lassen sich, wenn auch etwas holzschnittartig, benennen: Da ist erstens die These einer Neuverteilung von Exklusionen, die auf die abnehmende Steuerungskapazität des (nationalen) politischen Systems abstellt, weil sich die (anderen) Funktionssysteme zunehmend der Kontrolle durch territoriale Tendenzen entziehen. Auf die begrenzten Eingriffsmöglichkeiten des politischen Systems in andere Funktionssysteme hat bereits Luhmann (1981) hingewiesen. Wir werden in Abschnitt 3.5.1.4 argumentieren, daß dieser Sachverhalt durch die mit der Globalisierung einhergehende unterschiedliche (geographische) Reichweite der Funktionssysteme weiter verschärft wird. Dementsprechend müßten die Effekte nachlassender Steuerungsfähigkeit des politischen Systems vor allem dort auftreten, wo die Institutionalisierung des Wohlfahrtsstaates bereits sehr weit fortgeschritten ist, und dies in zunehmendem Maße.

Da ist zweitens die These einer Zunahme von Exklusionen (Breen 1997), die auf eine Steigerung der zeitbezogenen Unwägbarkeiten aufgrund des beschleunigten ökonomischen und sozialen Wandels abstellt. Dies führt, so die Annahme, zu zunehmender Marktabhängigkeit ("Rekommmodifizierung") und Marktungleichheit individueller Biographien. Aufgrund einer Verschiebung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse kommt es zu einer Verlagerung der Marktrisiken auf bereits benachteiligte soziale Gruppen. Zusätzlich nehmen die dekommodifizierenden Effekte von Staat (und Familie) ab, weil z.B. der Wohlfahrtsstaat wegen wachsender Unsicherheiten bezüglich der Qualität und Sicherheit seiner Leistungen immer unattraktiver für zunehmend größere Gruppen wird. Gemäß dieser zweiten These müßten Exklusionsrisiken weltweit zunehmen, wenn auch auf unterschiedlichem nationalen Niveau.

Beiden Thesen steht schließlich drittens die Annahme der Persistenz unterschiedlicher nationalstaatlicher Exklusionsrisiken gegenüber, die auf das Beharrungsvermögen der nationalstaatlichen Institutionensysteme im Globalisierungsprozeß abstellt (vgl. auch das Theorem der Pfadabhängigkeit institutioneller "Erfindungen" bei North 1990). Für Kaufmann beispielsweise spricht vieles dafür, "daß demokratisch geschaffene Institutionen eine beachtliche historische Beharrungskraft trotz wechselnder Umstände und Legitimationen aufweisen. [...] So werden wir aller Voraussicht nach noch weit länger mit unseren sozialstaatlich verfaßten Einrichtungen recht und schlecht leben, als es die Fortschrittsszenarien der einen und die Krisenszenarien der anderen uns glauben machen wollen. Ja, es spricht vieles dafür, daß der Sozialsektor zu einer unverzichtbaren Domäne staatlicher Innenpolitik im Kompetenzgerangel der Europäisierung erklärt werden wird" (1997: 153). Diese dritte These macht keinerlei Aussagen über die zeitliche Entwicklung der Exklusionsrisiken, sie läßt jedoch deren nationalstaatliche Variation aufgrund unterschiedlicher nationaler Institutionen und Instrumente der Inklusionsvermittlung vermuten. Ob diese dann in ihren individuellen Effekten variieren oder konvergieren, ist letztendlich eine empirische Frage, bei der natürlich auch die inkludierenden Effekte anderer Instanzen der Wohlfahrtsproduktion geprüft werden müssen.

3.4 Eigene Vorarbeiten

Hans-Jürgen Andreß hat sich in mehreren Forschungsprojekten mit der empirischen Analyse von Exklusionsphänomenen und ihren Folgen für die betroffenen Individuen beschäftigt: Arbeitslosigkeit und die dadurch ausgelöste Destabilisierung beruflicher Karrieren (Andreß 1989a,b), gesundheitliche Folgen von Arbeitslosigkeit (Andreß 1996b), Sozialhilferisiken und Dauer des Sozialhilfebezugs (Andreß 1994), Probleme der Haushaltsführung im unteren Einkommensbereich (Andreß/Strengmann-Kuhn 1994), kritische Lebensereignisse und deren Auswirkungen auf die Einkommensposition (Andreß 1996a), Arbeitsanreize staatlicher Transfers (Andreß/Strengmann-Kuhn 1997) sowie Untersuchungen von Deprivationserscheinungen im Lebensstandard der Bundesbürger (Andreß/Lipsmeier 1995, 1999). Ein größeres DFG-Projekt zu den Versorgungsstrategien privater Haushalte im unteren Einkommensbereich wurde vor einiger Zeit abgeschlossen (Andreß 1999), ebenso ein Sammelband über multidimensionale Armutsforschung mit Forschungsergebnissen aus verschiedenen europäischen Ländern und den USA (Andreß 1998). Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde schließlich Ende letzten Jahres eine Literaturexpertise (Andreß / Lohmann 1998) zu den wirtschaftlichen Folgen von Trennung und Scheidung erstellt.

Rudolf Stichweh arbeitet seit einer Reihe von Jahren an Forschungen zur soziologischen Differenzierungstheorie, in denen immer auch die Frage der unterschiedlichen Modi der Inklusion in verschiedene Funktionssysteme der modernen Gesellschaft eine Rolle gespielt hat. Unmittelbar mit dem hier skizzierten Projekt sind zwei Bücher verbunden, an denen der Antragsteller zur Zeit arbeitet. Das erste dieser Bücher unternimmt eine sowohl historische wie systematische Soziologie des Fremden. Unter dem Titel "Der Fremde - Zur Soziologie der Indifferenz" versucht es eine der klassischen soziologischen Figuren der Marginalität und des Ausschlusses in Hinsicht auf ihre begriffsstrategische Relevanz für das Verständnis der Gegenwartsgesellschaft zu prüfen. Bei dem zweiten Buch handelt es sich um eine "Theorie der Weltgesellschaft". Für diese ist unter anderem die Frage nach der Differenzierungsform der Weltgesellschaft zentral, und damit tritt zwangsläufig auch Inklusion/Exklusion als eine Leitunterscheidung in den Vordergrund.

Literatur (eigene Vorarbeiten)

Andreß, H.J. (1999): Leben in Armut. Analysen der Verhaltensweisen armer Haushalte mit Umfragedaten. Opladen / Wiesbaden: Westdeutscher Verlag

Andreß, H.J./ Lipsmeier, G. (1999): Lebensstandard nicht allein vom Einkommen abhängig. Informationsdienst Soziale Indikatoren 21: 5-9

Andreß, H.J. (1998): Empircal Poverty Research in a Comparative Perspective, Aldershot: Avebury

Andreß, H.J./Lohmann, H. (1998): Die wirtschaftlichen Folgen von Trennung und Scheidung. Bielefeld: unveröff. Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Andreß, H.J. / Strengmann-Kuhn, W. (1997): Warum arbeiten, wenn der Staat zahlt? Über das Arbeitsangebot unterer Einkommensschichten. Zeitschrift für Sozialreform 43: 505-526

Andreß, H.J. (1996a): Analysen zum unteren Einkommensbereich: Auf- und Abstiege, Ereignisse, Reaktionen und subjektives Wohlbefinden, S. 321-347 in: Zapf, W./ Schupp, J. /Habich, R. (Hg.) Lebenslagen im Wandel -- Sozialberichterstattung im Längsschnitt, Frankfurt am Main: Campus, 321-347.

Andreß, H.J. (1996b): Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit. Eine emprische Analyse langfristiger Folgen von Arbeitslosigkeit mit Krankenkassendaten, S. 227-273 in: Behrends, J./ Voges, W. (Hg.) Kritische Übergänge -- Statuspassagen und sozialpolitische Institutionalisierung. Frankfurt am Main: Campus, 227-273

Andreß, H.J./ Lipsmeier, G. (1995): Was gehört zum notwendigen Lebensstandard in Deutschland und wer kann sich diese Dinge leisten? Armutsmessungen auf der Basis relativer Deprivation, Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B 31-32/95: 35-49

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3.5 Ziele, Arbeitsprogramm, Methoden und Zeitplan

3.5.1 Ziele

An den bisherigen Forschungen zu Armut, Underclass und Exklusion sind mehrere Punkte auffällig, die eine theoretische Neuorientierung in der Beschreibung und Erklärung gesellschaftlicher Teilhabe und deren Gefährdungen nahelegen:

1. Arbeitsmarkt und (Erwerbs)Einkommen spielen eine prominente Rolle bei der Prognose von Teilhabechancen, reichen zur Erklärung jedoch nicht immer aus. Mindestens ebenso wichtig sind Humanvermögen (inkl. Ausbildung) und soziale Netzwerke (inkl. Familie).

2. Gesellschaftliche Teilhabe ist trotz fehlender eigener Arbeitsmarktbeteiligung und Einkommensressourcen möglich, z.B. durch Interventionen des Wohlfahrtsstaates oder durch andere Auffangpositionen: z.B. in der Familie, in religiösen und nicht-religiösen Organisationen oder in informellen Netzwerken.

3. Umgekehrt kann gesellschaftliche Teilhabe trotz gegebener Arbeitsmarktbeteiligung oder trotz vorhandener Einkommensressourcen gefährdet oder ausgeschlossen sein, z.B. für Migranten oder für Bewohner bestimmter Armutsghettos.

4. Die Kumulation von Ausschlüssen aus verschiedenen Lebensbereichen wird zumeist korrelativ analysiert, nicht jedoch systematisch theoretisch erklärt.

5. Der Zusammenhang zwischen (möglichen) veränderten Teilhabechancen und dem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandel der letzten Jahrzehnte (Stichwort: Globalisierung) ist weder theoretisch zureichend beschrieben, noch empirisch systematisch geprüft, sieht man einmal von den wenigen vergleichenden stadtsoziologischen Arbeiten ab.

Insgesamt sind die meisten Untersuchungen sehr deskriptiv angelegt. Sie verwenden allenfalls Theorien mittlerer Reichweite, z.B. simple lerntheoretische Modelle wie das einer Kultur der Armut. Der gesellschaftstheoretische Bezug fehlt völlig, und dies ist um so erstaunlicher, als die Frage der Integration von Individuen in Gesellschaft eine der Ausgangsfragen der Soziologie ist.

Einer der Vorteile des hier gewählten Zugangs, der Theorie funktionaler Differenzierung, besteht darin, daß er eine konsistente theoretische Erklärung für die empirische Beobachtung liefert, daß Exklusionen in unterschiedlichen Lebensbereichen beginnen können und in ihrem weiteren Verlauf sowohl von beschleunigenden als auch von verlangsamenden Faktoren beeinflußt werden. Gerade weil Exklusionen in unterschiedlichen Funktionssystemen ihren Startpunkt haben und in anderen wiederum aufgefangen werden können, liegt die Vermutung nahe, daß die konkrete Verteilung der Exklusionsrisiken sowohl mit der historisch (nationalstaatlich) gewachsenen Relationierung der Funktionssysteme als auch mit der sich daraus ergebenden Ressourcenverteilung der Individuen zusammenhängt. Ehe die Untersuchungsziele des beantragten Forschungsprojektes im einzelnen erläutert werden (Abschnitt 3.5.1.5), sollen daher zunächst noch einmal die wesentlichen Kategorien des hier verwendeten theoretischen Zugangs herausgearbeitet werden. Dazu gehören die Begriffe funktionale Differenzierung (3.5.1.1), individuelle Akteure (3.5.1.2), Exklusionskarriere (3.5.1.3), Wohlfahrtsstaat und Globalisierung (3.5.1.4).

3.5.1.1 Funktionale Differenzierung

Funktionale Differenzierung im Sinne der Ausdifferenzierung von Großsystemen für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Erziehung etc. ist die wichtigste strukturelle Charakterisierung der modernen Gesellschaft. Ein Ziel dieses Projekts ist es, ein theoretisch und empirisch präzisiertes Verständnis von Exklusion zu entwickeln, das dieser Tatsache funktionaler Differenzierung Rechnung trägt. Eine unmittelbare Folge von funktionaler Differenzierung ist, daß Exklusion nicht mehr als Kompaktausschluß aus der Gesellschaft vorgestellt werden kann. Das läßt sich verständlich machen, wenn wir zunächst den Komplementärbegriff der Inklusion entwickeln.

Individuen werden in der modernen Gesellschaft nicht mehr mit der Gesamtheit ihrer Lebensführung in ein soziales System eingeschlossen, wie dies noch für die Stände und Schichten des alten Europa gelten konnte. Funktionssysteme inkludieren Individuen nur in einzelnen Kommunikationen. Diese Individuen werden dann in einzelnen funktionssystemspezifischen Kommunikationen bezeichnet oder adressiert, so daß der jeweils nächste kommunikative Akt die Freiheit hat, ein anderes Individuum einzubeziehen, während umgekehrt dem Individuum die Freiheit zufällt, sich im nächsten Akt einem anderen Funktionssystem zuzuwenden. Über den einzelnen kommunikativen Akt hinaus werden Inklusionen strukturell in der Form von Erwartungskomplexen gesichert, die man sinnvoll Rollen nennen kann. Luhmann unterscheidet hier in Anlehnung an die Argumentation von Siegfried Nadel Leistungs- und Publikumsrollen.

Leistungsrollen sind die strategischen Rollen, die das erarbeiten, was auch im Außenkontakt des Systems als die systemdefinierenden Leistungen wahrgenommen werden: Politiker, die Entscheidungen vorbereiten und treffen; Wissenschaftler, die präsumtive Wahrheiten herausfinden; Geistliche, die die Immanenz einer jeden Lebensführung unter Gesichtspunkten ihrer transzendenten Relevanz zu interpretieren verstehen etc. Wäre Inklusion nur auf der Ebene von Leistungsrollen möglich, wären für jedes Individuum nur sehr wenige Inklusionen zugänglich: das Individuum wäre dann doch mit monoinklusiven Identitäten ausgestattet, wie wir sie am Beispiel berufsgeprägter Persönlichkeiten (der Handlungsreisende) kennen. Insofern ist die Idee der Publikumsrolle wichtig. Publikumsrollen sichern Möglichkeiten der Inklusion oder Partizipation in den Funktionssystemen, in denen man nicht in einer Leistungsrolle engagiert ist. Wenn man sich nicht für den Beruf des Geistlichen hat entscheiden können, so bleibt doch die Möglichkeit, als gläubiger Christ (Moslem etc.) und als Gemeindemitglied an Religion zu partizipieren. Wenn man nicht die Zeit hat, Parteipolitik aktiv mitzugestalten, so ist man doch als Wähler, als ein der unablässigen Beobachtung ausgesetzter Meinungsträger und als Empfänger wohlfahrtsstaatlicher Leistungen in mehrfacher Hinsicht in das politische System inkludiert. Im übrigen gibt es historisch in allen Funktionssystemen Utopien, die die Differenzen von Leistungs- und Publikumsrollen zu negieren versuchen und dann beispielsweise von einem allgemeinen Priestertum oder von direkter Demokratie sprechen. Wichtig aber ist, daß erst die Differenz von Leistungs- und Publikumsrollen die Vollinklusion aller Gesellschaftsmitglieder in alle Funktionssysteme möglich macht, wenn sie damit auch noch nicht wahrscheinlich wird (vgl. zu Vollinklusion Stichweh 1998). Wenn aber die Inklusion in viele Funktionssysteme für fast jedes Individuum eine empirische Realität wird, dann wird Individualität nicht mehr durch konkrete Bezüge zu einzelnen Funktionssystemen festgelegt. Individualität wird damit zu einem gesellschaftsexternen Phänomen, oder, wie Luhmann es nennt, zur Exklusionsindividualität (Luhmann 1989), was nicht ausschließt, daß sich innergesellschaftlich Spezialformen der Kommunikation entwickeln, die diese ungewöhnliche Form von Individualität kommunikativ zu thematisieren imstande sind (z.B. Intimbeziehungen).

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß Inklusionen in verschiedene Funktionssysteme nicht miteinander gekoppelt sind. Die Tatsache, daß man mit einer außergewöhnlichen wirtschaftlichen Zahlungsfähigkeit ausgestattet ist und deshalb ein beträchtlicher Steuerzahler ist, verleiht einem in einer modernen Demokratie nicht zusätzliche Stimmrechte, sie sichert nicht mehr den Schutz durch eine Standesgerichtsbarkeit für wohlhabende (oder sonst gesellschaftlich herausgehobene) Personen, und sie nimmt einem auch nicht ab, in Schule und Hochschule selbst lernen zu müssen, während man noch in der frühen Neuzeit Doktortitel kaufen konnte. In die binären Codes aller Funktionssysteme sind Sperrmechanismen eingebaut, die sichern sollen, daß Unterschiede nur nach funktionssystemeigenen Gesichtspunkten erzeugt werden. In modernen individualisierten Intimbeziehungen, die auf Liebe gebaut sind, steigert ein Mehr an Geld eher die Furcht, daß die Liebe des anderen nicht konstant oder nicht genuin sein könnte. Gerade die Unabhängigkeit der Inklusionen voneinander macht es einem in bestimmter Hinsicht auch leichter, auf bestimmte Inklusionen zu verzichten. Migranten, wenn sie in anderen Hinsichten gut eingebettet sind, können auf politische Teilnahmerechte oft auch gerne verzichten. Und gerade eine ins Hochanspruchsvolle getriebene Individualität legt einem manchmal den Verzicht auf Familie und Intimität nahe, weil man an eine adäquate kommunikative Berücksichtigungsfähigkeit dieser institutionellen Arrangements nicht mehr glaubt.

An dieser Stelle kommt auf interessante Weise Exklusion ins Spiel: das "loose coupling" der Inklusionen, die Verzichtbarkeit vieler unter ihnen, die durch eine Ökonomie individueller Lebensführung nahegelegt wird, läßt Exklusionen zunächst einmal als relativ unproblematisch erscheinen. Gerade wenn das Prinzip des "loose coupling" auch für Exklusionen gilt, heißt dies, daß viele Exklusionen relativ wenig riskant sind. Damit läßt sich die Aufgabe für dieses Projekt einigermaßen präzise benennen: Es geht um die Identifikation der Startpunkte, Verläufe und Übergangspunkte, an denen Exklusion dann auf einmal doch problematisch wird und eine relativ enge Kopplung mehrere Exklusionen sequentiell und kausal vernetzt.

3.5.1.2 Individuelle Akteure

Da es in dem Forschungsprojekt vor allem um die Frage gehen soll, wie Individuen in die Gesellschaft inkludiert werden und welchen Veränderungen dieser Prozeß unter Globalisierungsbedingungen unterliegt, soll in diesem Abschnitt diskutiert werden, wie der Tatbestand der funktionalen Differenzierung auf der individuellen Ebene nachvollzogen werden kann. Wir knüpfen dazu an die zuvor eingeführte Begrifflichkeit der Leistungs- und Publikumsrollen an und stellen zunächst einmal fest: Individuen (Personen) werden insofern im gesellschaftlichen Zusammenhang berücksichtigt, als sie eine oder mehrere funktionssystemspezifische Rollen einnehmen. Charakteristisch für die funktional differenzierte Gesellschaft ist also nicht die Inklusion des "ganzen" Individuums, funktional relevant sind jeweils nur die rollen- bzw. inklusionsspezifischen Aspekte der Person. Außer der notwendigen Partizipation an der Leistungserbringung des jeweiligen Funktionssystems lassen sich zunächst keine weiteren Aussagen darüber treffen, welche Personen in einem Funktionssystem welche Leistungs- und Publikumsrollen übernehmen können. Prinzipiell stehen diese "Positionen" allen Individuen offen, so daß man zunächst von einer Vollinklusion aller Gesellschaftsmitglieder in alle Funktionssysteme ausgehen könnte.

Rein empirisch lassen sich verschiedene Einwände gegen diese These formulieren. Personen, die bestimmte Rollen in den Funktionssystemen einnehmen, zeichnen sich durch bestimmte Eigenschaften aus. Erwerbstätige, im Vergleich zu Erwerbslosen, haben häufiger eine höhere Qualifikation, befinden sich in den mittleren Altersjahren und sind eher Inländer und männlichen Geschlechts. Personen, die sich an Wahlen beteiligen, unterscheiden sich ebenfalls durch Alter, Ausbildungsstatus oder Parteipräferenzen von der Gruppe der Nicht-Wähler. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig verlängern. Darüber hinaus ist die Übernahme bestimmte Rollen lebenszyklisch ungleich verteilt: Das aktive oder passive Wahlrecht gilt erst ab einem bestimmten Alter, das Muster der Intimbeziehungen variiert im Lebenslauf und die Übernahme bestimmter Rollen im Wirtschaftssystem setzt häufig die (erfolgreiche) Absolvierung des Bildungssystems voraus. Aus der letzten Beobachtung wird schließlich deutlich, daß die Übernahme bestimmter Leistungs- oder Publikumsrollen Erfahrungen des Rolleninhabers in anderen Funktionssystem voraussetzt. Rollen in verschiedenen Funktionssystemen sind sequentiell miteinander verbunden.

Klärungsbedürftig ist also die Frage, wie eine Passung zwischen den individuellen Akteuren einerseits und den Leistungs- oder Publikumsrollen einzelner Funktionssysteme andererseits möglich ist.[7] Sie läßt sich aus zwei verschiedenen Denktraditionen angehen: Aus der Akteursperspektive ließe sich formulieren, Individuen benötigen Ressourcen, um bestimmte Rollen ausüben zu können. Aus der Systemperspektive würde man dagegen argumentieren, Individuen erfüllen in Leistungs- bzw. Publikumsrollen bestimmte funktionale Erfordernisse des jeweiligen Systems, die Ausübung der Rollen ist also an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. Im ersten Fall wäre zu klären, um welche Ressourcen es sich hierbei handelt, wo sie erworben werden, und wie es den Individuen gelingt, sie in anderen Funktionszusammenhängen "gewinnbringend" einzusetzen. Die unterschiedlichen Kapitalbegriffe bei Coleman (1991) oder Bourdieu (1983) böten hier Anknüpfungspunkte, aber auch die Idee der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien Geld, Macht usw. (Luhmann 1975, 1998: Kap. 2). Im zweiten Fall wäre zu prüfen, welche Leistungen im einzelnen in den Funktionssystemen zu erbringen sind und welche Voraussetzungen daraus für die Rolleninhaber resultieren. Diese Überlegungen müßten mögliche Vernetzungen einzelner Rollen aus unterschiedlichen Funktionssystemen spezifizieren. Hierzu zwei Beispiele: Auffallend ist, daß medizinische Leistungen primär auf die zeitlichen Präferenzen der Leistungsrollen und nicht so sehr auf die Publikumsrollen abgestimmt sind oder daß Arbeitnehmer durch Organisationen primär als Arbeitende, nicht aber als Familienangehörige perzipiert werden. Wenn entsprechend erwartet wird, daß anfallende familiäre Dienste durch ein verfügbares Familienmitglied erledigt werden, so liegt die Vermutung nahe, daß sich bei Ein-Elternfamilien eine strukturelle Asymmetrie in Bezug auf Ressourceneinsatz, Rollenmanagement und Inklusionschancen in unterschiedliche Funktionskontexte ergibt. Ein wesentlicher Teil der theoretischen Arbeiten des Projektes wird daher darin bestehen, diese beiden theoretischen Alternativen weiter auszuarbeiten und ihre relativen Vor- und Nachteile, aber auch ihre wechselseitigen Ergänzungen gegeneinander abzuwägen.

3.5.1.3 Inklusion, Exklusion und Lebenslauf

Nachdem wir im vorherigen Abschnitt die Frage der Inklusion von Individuen in Funktionssysteme diskutiert haben, geht es nun um eine Operationalisierung des Exklusionsbegriffs und die Frage, unter welchen Umständen Exklusion problematisch sein könnte.

Auf abstrakter Ebene begreift Luhmann die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion als eine "Form" (Spencer Brown), "deren Innenseite (Inklusion) als Chance der sozialen Berücksichtigung von Personen bezeichnet ist und deren Außenseite unbezeichnet bleibt" (Luhmann 1998: 620f.). Damit bezieht sich die Differenz von Inklusion und Exklusion auf die Frage, wie und ob Menschen an die spezifischen Kommunikationszusammenhänge der Gesellschaft gekoppelt werden (vgl. Abschnitt 3.5.1.1). Zwei Aspekte dieser Begriffsbestimmung müssen besonders hervorgehoben werden: Die Unterscheidung zwischen Inklusion und Exklusion bezeichnet erstens eine diskontinuierliche, nichtgraduelle Eigenschaft. Ein Individuum ist entweder in einen spezifischen Kommunikationszusammenhang inkludiert, oder aber nicht. Anders als beim Begriff der Integration läßt sich daher nicht von starken oder schwachen Inklusionsformen sprechen (Stichweh 1997a: 127). Neben dieser Zweiwertigkeit der Eigenschaft ist zweitens in funktional differenzierten Gesellschaften die durch diese Gesellschaftsstruktur bedingte Mehrdimensionalität der Inklusions- und Exklusionsformen zu berücksichtigen, denn im Vergleich zu segmentären oder stratifizierten Gesellschaften verzichtet die moderne Gesellschaft auf eine gesellschaftseinheitliche Regelung der Inklusion und überläßt diese Regelung den einzelnen Funktionssystemen. Somit geht es heute nicht mehr nur einfach um die Frage, ob ein Individuum in die Gesamtgesellschaft inkludiert ist oder nicht, sondern darum, in welche Funktionssysteme das Individuum inkludiert ist. Im Zuge der Projektarbeiten ist im übrigen zu klären, ob diese Mehrdimensionalität der Inklusionsformen weiter differenziert werden muß, etwa danach, ob sie in Form einer Leistungs- oder in Form einer Publikumsrolle vollzogen wird.

Ausgehend von dieser Begriffsbestimmung bedeutet Exklusion zunächst "nur" den Ausschluß aus einem Funktionssystem. Das Individuum ist für die spezifischen Kommunikationen dieses Funktionssystems nicht mehr relevant, oder anders ausgedrückt: es erfüllt innerhalb dieses Funktionssystems weder eine Leistungs- noch eine Publikumsrolle. Gegen diese Konzeption ist von einigen Autoren eingewendet worden, daß ein Individuum kaum aus einem Funktionssystem der modernen Gesellschaft exkludiert werden kann, "denn genau besehen ist man auch dann etwa ins Wirtschaftssystem inkludiert, wenn man nicht zahlen kann, in das Rechtssystem, wenn man kein Recht bekommt, ins politische System, wenn man sich nicht repräsentiert fühlt, in Familie bzw. familienähnliche Formen, auch wenn diese nicht für stabile Vertrauensbeziehungen sorgen" (Nassehi / Nollmann 1997: 398). Ein häufiges Mißverständnis dieser (und anderer) Autoren besteht darin, daß sie entweder den Akt des Ausschlusses aus dem jeweiligen Funktionssystem als eine Form der Inklusion deuten oder aber einen Agenten der Exklusion voraussetzen und dabei Formen der Selbstexklusion vernachlässigen. Entscheidend ist jedoch aus unserer Sicht die Frage, ob das jeweilige Individuum für die Kommunikationen des Funktionssystems von Bedeutung ist und hier endet die "Wahrnehmung" des Individuums durch das Funktionssystem mit der "Mitteilung" des Ausschlusses. Ebenso sind die Individuen für das Funktionssystem irrelevant, die sich nicht an seinen Operationen beteiligen, ohne daß es eines formellen Ausschlusses aus diesem System bedurft hätte. Dieses sei an ein paar Beispielen illustriert:

Besonders kontrovers werden in diesem Zusammenhang Formen der Exklusion aus dem Wirtschaftssystem diskutiert. Hier hilft zunächst die Unterscheidung zwischen Leistungs- und Publikumsrollen, denn es ist auffallend, daß ein anhaltend hoher Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung in den westlichen Industriegesellschaften an der Erstellung des Bruttosozialprodukts nicht mehr beteiligt ist, ohne daß dies für die jeweiligen Wirtschaftssysteme ein direktes Problem wäre. Arbeitslosigkeit ist für das Wirtschaftssystem nur indirekt ein Problem, als es durch Interventionen anderer Systeme an den ökonomischen und sozialen Kosten beteiligt wird, etwa durch durch das politische System, dessen Legitimation auf dem Spiel steht, oder durch den Wohlfahrtsstaat, der Lohnersatzleistungen an die Arbeitslosen auszahlen muß. Arbeitslose, aber dennoch erwerbsfähige Personen sind also insofern aus dem Wirtschaftssystem exkludiert, als sie mit dem Beginn ihrer Arbeitslosigkeit nicht (mehr) an der Leistungserstellung dieses Systems beteiligt sind. Analog gilt für selbständig tätig Personen, daß sie mit dem Konkurs ihres Unternehmens oder Gewerbes aus dem Wirtschaftskreislauf austreten.

Schwieriger ist der Nachweis von Exklusionen auf der Seite der Publikumsrollen, da durch die existenzsichernden Transfersysteme des Wohlfahrtsstaates zumindest in den westlichen Industriegesellschaften allen Gesellschaftsmitgliedern ein bestimmter Minimalkonsum ermöglicht wird, wenn keine anderweitigen Einkommensquellen mehr vorliegen. Inklusionsvermittlung ist ja sozusagen die spezifische Funktion dieses Teils des politischen Systems. Man denke aber daran, daß diese Transfers häufig in Form von Sachleistungen ausgezahlt werden, so daß die Transferempfänger gar nicht mehr als Konsumenten in Erscheinung treten. Sie sind häufig auch mit besonderen Formen sozialer Kontrolle verbunden, die die Empfänger in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen einschränken, z.B. bezüglich der Wohnform oder des Einsatzes ihrer Arbeitskraft. Im Prinzip könnten Teile dieses Personenkreises auch außerhalb des Wirtschaftssystems in einem öffentlich-rechtlichen Rechtsverhältnis alimentiert werden. Ganz besonders deutlich wird die Exklusion des Individuums als Wirtschaftssubjekt aber dort, wo er oder sie wegen Überschuldung als nicht mehr kreditwürdig und damit als nicht mehr wirtschaftsfähig bezeichnet wird. Eine Teilnahme am offiziellen Wirtschaftsleben ist dann bis auf weiteres unmöglich.

Unmittelbar evident scheinen vielen Zeitgenossen mögliche Exklusionen aus dem politischen System. Zu nennen wären hier Bürger ausländischer Nationalität, die in vielen Staaten entweder überhaupt kein oder nur ein eingeschränktes aktives und passives Wahlrecht haben. Man denke aber auch an die Tatsache, daß sich viele Wahlbürger in einem Akt der Selbstexklusion gar nicht mehr an politischen Wahlen beteiligen und daher ihr "politischer Wille", ganz im Sinne unserer Definition, in den Kommunikationen des politischen Systems unberücksichtigt bleibt. Die Tatsache, daß ihnen allen ein solches Wahlrecht prinzipiell zur Verfügung steht, ändert daran nichts. Ebenso sind alle Bürger vor dem Gesetz gleich, jedoch ist es eine bekannte Tatsache der Rechtssoziologie, daß die Inanspruchnahme des Rechtssystems an bestimmte Voraussetzungen gebunden ist und nur von bestimmten Personen wahrgenommen wird. Auf diese Weise werden die Rechtsansprüche bestimmter Personengruppen vom Rechtssystem systematisch ausgeblendet. Man denke etwa an die nicht geltend gemachten Unterhaltsansprüche vieler geschiedener Ehefrauen und Mütter.

Diese Liste von Beispielen ließe sich beliebig verlängern. In Tabelle 1 haben wir dazu die wichtigsten Funktionssysteme mit den aus unserer Sicht relevanten Leistungs- und Publikumsrollen zusammengefaßt. Für jedes dieser Funktionssysteme haben wir dann mögliche Formen der Exklusion benannt, wobei wir danach unterscheiden, wie der jeweilige Ausschluß vollzogen wird. Er kann a) explizit durch ein Funktionssystem vorgenommen werden oder b) einfach nur geschehen, ohne daß der Akt des Ausschlusses identifizierbar und zurechenbar wäre. Aus der Sicht des Individuums stellen sich beide Formen häufig als Fremd- (a) oder als Selbstexklusion (b) dar.

Tabelle 1 hier einfügen

Die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, daß zunächst einmal alle Individuen an allen Funktionssystemen teilhaben können, ohne daß irgend jemand, z.B. aufgrund seiner sozialen Herkunft oder seiner Nationalität, a priori ausgegrenzt ist. Daß die Individuen tatsächlich in allen Funktionssystemen partizipieren, wird nicht vorausgesetzt. Exklusionen aus einzelnen Funktionssystemen sind solange unproblematisch, als sie die Inklusionschancen in andere Funktionssysteme nicht beeinträchtigen. Exklusion wäre nur dann problematisch, wenn es sich um einen multidimensionalen, d.h. mehrere Funktionssysteme betreffenden, sequentiell vernetzten Prozeß mehrerer Einzelexklusionen handeln würde, die sich gegenseitig kumulativ verstärken. Für die zweite (pessimistische) Alternative spricht die Luhmann'sche These der negativen Integration der Gesellschaft: Aufgrund der lockeren Koppelung zwischen den Funktionssystemen integriert Inklusion weit weniger stark als Exklusion, da die Inklusion in ein Teilsystem der modernen Gesellschaft noch nichts über die Inklusion in ein anderes aussagt, wohingegen die Exklusion aus einem Teilsystem den Ausschluß aus anderen wahrscheinlich macht (Luhmann 1995: 238). Die These besagt, daß die faktische Exklusion aus einem Funktionssystem das beschränkt, was in anderen Teilsystemen erreichbar ist (Luhmann 1998: 630, Luhmann: 1995: 259). Das verweist auf die Notwendigkeit, die Abfolge der Einzelexklusionen im Lebenslauf der Person zu untersuchen.

Eine zentrale analytische Kategorie ist für uns in diesem Zusammenhang der Begriff der Exklusionskarriere. Drei relevante Aspekte von Exklusionskarrieren sind dabei zu unterscheiden: 1. Startpunkte, 2. Beschleuniger und 3. Auffangmechanismen. Als Startpunkte von Exklusionskarrieren kämen bestimmte Funktionssysteme vorrangig in Frage: z.B. Wirtschaft und Familie bzw. Intimbeziehungen, aber auch (Schul)Erziehung. Andere Funktionssysteme würden sich eher dadurch auszeichnen, daß sie Auffang- oder Stopmechanismen für Exklusionskarrieren zur Verfügung stellen. Man könnte hier denken an Politik (als Wohlfahrtsstaat), Recht, Religion oder das Gesundheitssystem (im Sinne des Legitimierens des temporären Ausscheidens aus gesellschaftlichen Rollenverpflichtungen). Schließlich ließen sich Beschleunigungsmechanismen benennen, an denen auffällt, daß es sich um Kategorien sozialer Differenzierung handelt, die quer zu funktionaler Differenzierung liegen: Raum, ethnische Differenzierung oder soziale Schichtung. Sie können so eingreifen, daß sie eine begonnene Exklusionskarriere wahrscheinlicher machen: z.B. wegen der infrastrukturellen Verarmung bestimmter städtischer oder ländlicher Räume oder wegen der Zusatzeffekte ethnischer Negativstereotypisierung. In einzelnen Fällen können sie aber auch als Auffangchance und "Resozialisierungsmöglichkeit" wirken.

Auf der individuellen Ebene sind die Startpunkte einer Exklusionskarriere häufig mit bestimmten Ereignissen im Lebenslauf der Person verbunden. Zu nennen wären hier Scheidung, Trennung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Ausbildungsabbruch, Freiheitsentzug, Migration und ähnliches mehr. Die besondere Bedeutung dieser Ereignisse rührt daher, daß sie die Kontinuität der Rollenübernahme in einem Funktionssystem unterbrechen können. Sie haben darüber hinaus in der Regel auch dramatische Bedeutung für die psycho-soziale Entwicklung des Individuums. Wir sprechen daher auch von sogenannten kritischen Lebensereignissen.[8] Sie können Startpunkte einer Exklusionskarriere sein, müssen es aber nicht, und sind daher ein geeignetes Instrument, mit dem sich erstens die hier zu untersuchende Risikopopulation weiter eingrenzen läßt und das zweitens als Erzählstimulus in biographischen Interviews mit den ausgewählten Personen verwendet werden kann (vgl. Abschnitt 3.5.2.1).

Mit dem Begriff der Exklusionskarriere ergeben sich im übrigen inhaltliche und methodische Anknüpfungspunkte zu vorliegenden Studien über Patienten- (Gerhardt 1986b) und Armutskarrieren (Ludwig 1996), die auf Uta Gerhardts (1986a) methodisch-theoretischen Überlegungen einer verstehenden Strukturanalyse aufbauen. Auch bei Gerhardts (1991) Analyse von Krankheits- und Patientenkarrieren sind die von uns genannten Aspekte, Interdependenzunterbrechungen und Reintegration im Aufbau einer Erfolgs- oder Mißerfolgsgeschichte, zentral.

3.5.1.4 Funktionssysteme, Nationalstaat, Globalisierung

Welchen Bezug hat die Exklusionsproblematik nun zum Rahmenthema des Sonderforschungsbereichs? Wir vermuten, daß Wohlfahrtsstaatlichkeit, Nationalstaatlichkeit und die Globalisierung der Funktionssysteme die drei entscheidenden Parameter und Entwicklungsdimensionen der modernen Gesellschaft sind, die festlegen, was an Exklusion wahrscheinlich ist und welche Auffangmöglichkeiten für Exklusionen verfügbar sind. Diese These gilt es zu erläutern.

Wohlfahrtsstaatlichkeit, wenn wir diesen Begriff in einem systematischen Sinne verwenden, ist ein Attribut bereits des europäischen Staates der frühen Neuzeit. Die Gemeinwohlformeln, die die politische Theorie schon des 16. und 17. Jahrhunderts bestimmen, und das Polizeirecht, das, seit den ersten städtischen Polizeiordnungen des späten 15. Jahrhunderts, die europäischen Territorien mit einer immer größeren Regelungsdichte überzieht (siehe als Überblick Stolleis 1988, Stichweh 1991: Kap. VIII-X), machen deutlich, daß der frühneuzeitliche Staat sowohl Interventionsstaat ist, der sich für zunehmend mehr Lebensbereiche -- z.B. Regelungen der Kleider und der Abwässer -- zuständig fühlt, wie er auch Leistungsstaat ist, der seine Untertanen nicht nur als Objekt von Herrschaft auffaßt, sondern sie in wachsendem Maße als diejenigen sieht, die berechtigt sind, vom Staat Leistungen zu erwarten. Der Wohlfahrts- und Versicherungsstaat des 19. und 20. Jahrhunderts ist eigentlich nur eine Verlängerung und ein Ausbau dieser Muster. Immer aber geht es um die Leistungsseite der Politik und darum, daß langfristig jeder -- jede Familie und jedes Individuum -- berechtigt ist, diese Leistungen zu erwarten.

Diese Prämissen werden radikalisiert und stabilisiert durch den Nationalstaat, der sich seit dem späten 18. Jahrhundert, erneut von Europa ausgehend, als die Normalform von Politik ausbildet. Nation ist zunächst einmal ein Inklusionsbegriff (Stichweh 1994). Er identifiziert eine Gemeinschaft von Gleichen, die zuerst und vielleicht auch nur darin gleich sind, daß sie Mitglieder der Nation sind und als solche berechtigt sind, Ansprüche an Leistungen des Wohlfahrtsstaats anzumelden, wie ihnen natürlich auch Pflichten auferlegt werden können. Nationale Mitgliedschaft kann im Sinne ethnisch-kultureller Gemeinsamkeiten näher fundiert werden, man kann sich aber auch auf die Abstraktion beschränken, die in der binären Entscheidung besteht, daß man entweder Mitglied der französischen (etc.) Nation ist oder diese Mitgliedschaft (bisher) nicht erlangt hat.

Parallel zu diesen Entwicklungen vollzieht sich der Umbruch zu funktionaler Differenzierung. Während der frühneuzeitliche Wohlfahrtsstaat Stände integrierte und diese differentiell mit Leistungen versorgte, reagiert der moderne Wohlfahrtsstaat auf den Sachverhalt funktionaler Differenzierung. Einerseits ist der nationale Wohlfahrtsstaat selbst ein Fall eines sich funktional ausdifferenzierenden Systems, andererseits definiert er sich in der Selbstbeschreibung als komplementär zu den Ausdifferenzierungsprozessen der anderen Funktionssysteme. Diese Komplementarität läßt sich gut mit dem Begriff eines inklusionsvermittelnden Systems beschreiben (Bommes/Halfmann 1994). Immer dort, wo aus den Eigendynamiken der anderen Funktionssysteme nicht die Inklusion eines immer größeren Teils der Bevölkerung resultiert, sondern Exklusionen stabilisiert oder verstärkt zu werden drohen, liegt der Eingriff des Wohlfahrtsstaats nahe. Er finanziert beispielsweise seit dem 18. Jahrhundert den Aufbau eines öffentlichen Schulwesens (bezeichnenderweise unter dem europaweit erfolgreichen Leitbegriff der "Nationalerziehung") für diejenigen, die sich die Privaterziehung in Privathäusern und Privatschulen nicht leisten können. Wenn im 20. Jahrhundert mit steigenden Ansprüchen an die schulische Grundbildung sozial disprivilegierte Kinder an den Leistungsansprüchen des Schulwesens zu scheitern drohen, finanziert der Wohlfahrtsstaat Maßnahmen kompensatorischer Erziehung. Ein anderes Beispiel für einen inklusionsvermittelnden Eingriff des Wohlfahrtsstaats war die Praxis des "busing", die in den Vereinigten Staaten in den sechziger und siebziger Jahren praktiziert wurde und die einer ethnischen und schichtungsabhängigen Segregation des Schulwesens (mit Exklusionseffekten in den disprivilegierten Vierteln) wehren wollte. Alle diese Eingriffe in ein anderes Funktionssystem müssen im übrigen dessen Autonomie nicht verletzen, da sie den pädagogischen Kern -- die Didaktik des Unterrichts und die Bewertung von Leistungen -- nicht tangieren.

Hinter den inklusionsvermittelnden Ansprüchen und Leistungen des nationalen Wohlfahrtsstaates steckt eine Prämisse, die heute fraglich geworden ist: Damit eine Intervention möglich ist, muß vorausgesetzt werden, daß der Wohlfahrtsstaat die Effekte des Operierens der Funktionssysteme zu beobachten imstande ist und daß er die Folgen des eigenen Eingriffs einigermaßen verläßlich abschätzen kann. Das wiederum scheint vorauszusetzen, daß die operativ wirksamen Grenzen in den verschiedenen Funktionssystemen und die durch Territorialität und Mitgliedschaft bestimmten Grenzen des Nationalstaats mit einiger Genauigkeit übereinstimmen. Es muß eine interne, segmentäre Differenzierung der Funktionssysteme unterstellt werden, die nationale Wirtschaftssysteme, nationale Wissenschaftssysteme, nationale Rechtssysteme etc. verwirklicht (vgl. Hahn 1993). In idealtypischer Form liegt dieses Argument der Gesellschaftstheorie von Talcott Parsons zugrunde, die bekanntlich die beiden innenorientierten Subsysteme der Gesellschaft (=social system) als Politik und als "Societal Community" (d.h. als solidaritätsbasierte nationale Gemeinschaft) gedeutet hat (siehe zuletzt Parsons 1977, 1978). Das zwingt dazu, für alle anderen Funktionssysteme, die in den übrigen Boxen und Subboxen untergebracht werden müssen, dieselbe Orientierungsreichweite oder dieselben Grenzen wie für Politik und die nationale Community zu unterstellen. Der Durkheimsche Ursprung dieses Arguments ist unübersehbar, und es ist bemerkenswert zu beobachten, wie sehr die extrem umfangreiche und leidenschaftliche französische Debatte über Exklusion, die ja nicht durch die Soziologie angestoßen worden ist, auf einem fraglos gehandhabten Durkheimschen Paradigma ruht: Exklusion wird gedacht als Bruch der nationalen Solidarität, als Krise der französischen Gesellschaft, die auf dieser Ebene auch behoben werden könnte (siehe Silver 1995, Merrien 1996). Das mag, was Interventionsmöglichkeiten betrifft, richtig sein, da, wie wir noch sehen werden, Exklusion immer lokal anfällt, aber es erlaubt vermutlich keine Erklärung von Exklusionen in der Weltgesellschaft der Gegenwart.

Um eine solche Erklärung zu ermöglichen, muß man das Argument der zunehmend auseinanderdriftenden Orientierungsreichweiten der verschiedenen Funktionssysteme im Vergleich zur territorialen und zur Mitgliedschaftsbindung des nationalen Wohlfahrtsstaats einführen.[9] Zur Erläuterung wollen wir das oben schon benutzte Beispiel der Interventionen in Schul- und Hochschulerziehung verwenden. Wenn Ungleichheit in der Hochschulerziehung die Form einer Internationalisierung der Studienwege annimmt, wenn beispielsweise die Kinder sozialer Eliten die deutschen Universitäten um vermuteter Vorteile im Erziehungswesen willen vermeiden, dann gibt es dagegen (soweit es sich dabei um reale Vorteile handelt) nur noch sehr begrenzte wohlfahrtsstaatliche Handlungsstrategien.

Man kann dasselbe Phänomen auch am Beispiel der Sozialpflichtigkeit des Eigentums studieren. Diese war ja als eine im Grundgesetz fixierte Auflage ein Versuch, die Grenzen des Sozialstaats und die Orientierungsreichweite von Unternehmen zu homogenisieren. Dafür entfallen aber alle Voraussetzungen, wenn sich in multinationalen Unternehmen (also den dominanten organisatorischen Formen der Weltwirtschaft) ein Selbstverständnis ausbildet, wie es der Vorstandsvorsitzende eines deutschen MNU vor einiger Zeit treffend formuliert hat: "Die Sozialpflichtigkeit des Kapitals existiert jedoch heute wegen der globalen Märkte auf Gesamtkonzernebene und nicht mehr auf binnenstaatlicher Basis."[10] Der Wohlfahrtsstaat kann, wie dieses Beispiel zeigt, nicht mehr auf die Koordiniertheit seiner Grenzen mit denen anderer Funktionssysteme setzen, und unter diesen Umständen wird ihm auffallen, daß seine eigenen Ressourcen, die nicht mehr durch die Ressourcen ihm koordinierter Instanzen ergänzt werden, weniger als je zuvor hinreichen, die Exklusionen zu kompensieren, die andere Funktionskontexte nicht kompensieren wollen oder können.

Unsere These ist also, daß der Zusammenhang von Globalisierung und Exklusion wesentlich als durch die Schwächung der inklusionsvermittelnden Funktion des Wohlfahrtsstaats verursacht zu verstehen ist. Die weltweit operierenden Funktionssysteme erzeugen zufällig (oder weil sie in dieser Phase ihres Wachstumsprozesses noch nicht auf jede einzelne Person im System der Weltgesellschaft angewiesen sind) vielfältige Exklusionen. Für diese fehlt dem Staat mit seinen klassischen Interventionsansprüchen vielfach bereits die Beobachtungsfähigkeit, es fehlen die Möglichkeiten kausaler Kontrolle, und erst recht fehlen die Ressourcen für Intervention, und unter diesen Umständen kommt es zu den bei Individuen und Gruppen anfallenden Effektkumulationen über mehrere Funktionssysteme, die wir Exklusion nennen.

Die Ursachen für Exklusion in dem hier beschriebenen Sinn sind offensichtlich globale Ursachen. Wir reden von der jeweils weltweit sich durchsetzenden Eigendynamik der Funktionssysteme und von der zunehmend insuffizienten Beobachtungsfähigkeit, Zugriffssicherheit und Ressourcenausstattung der lokalen inklusionsvermittelnden Instanz Wohlfahrtsstaat. Zu derselben Diagnose kommt man auch, wenn man andere inklusionsvermittelnde Instanzen in den Blick nimmt. In manchen systemtheoretischen Analysen wird die Sozialarbeit/Soziale Hilfe so behandelt, als sei sie gegenüber dem Wohlfahrtsstaat noch einmal ein Funktionssystem sui generis mit eigener Problemdiagnose und Interventionsmöglichkeit und gleichfalls inklusionsvermittelnder Funktion (siehe Baecker 1994, Fuchs/Buhrow/Krüger 1994, Fuchs/Schneider 1995, vgl. Fuchs 1997a). Diese Diagnose ist vermutlich nicht richtig, weil sie der Tatsache nicht Rechnung trägt, daß der Sozialarbeit die Autonomie einer Problem- und Themenevolution, wie sie die andereren großen Professionen Recht, Religion und Erziehung kennzeichnet, gerade nicht gelungen ist und insofern die Sozialarbeit nach wie vor subordiniert im Verhältnis zu anderen funktionalen Problemperspektiven arbeitet (vgl. Stichweh 1999). Aber, unabhängig davon, wie man diese Frage entscheiden will, scheint plausibel, daß die Sozialarbeit die charakteristischen Sicht-, Ressourcen- und Handlungsbeschränkungen der inklusionsvermittelnden Instanz Wohlfahrtsstaat teilt.

Ungeachtet der nur noch global zu beschreibenden Ursachen ist Exklusion immer ein lokales oder regionales Phänomen, und dies in genau zwei Hinsichten. Erstens kann von einer globalen Vernetzung von Exklusionsbereichen keine Rede sein. In diesem Sinne trifft dann auch nicht zu, daß Inklusion/Exklusion die Leitdifferenzierung der Weltgesellschaft ist (siehe aber Luhmann 1995). Exklusion ist ja gerade ein negativer Sachverhalt, ein Nichtvorkommen, ein Nichtereignis, ein Ausschluß. Insofern kann man Exklusionen nicht dieselbe systembildende Kraft zuschreiben wie den Problemsynthesen der Funktionssysteme. Zwar ist davon auszugehen, daß sich lokal immer eigentümliche Sozialstrukturen der Exklusion bilden, und ein Zweck der durchzuführenden biographischen Interviews ist auch, diese lokalen Sozialstrukturen der Exklusion näher kennnenzulernen. Aber es handelt sich dabei eben um lokale Strukturen, die sich anderswo nicht ohne weiteres wiederholen, so daß man an ihnen vermutlich eine gewisse Typizität, aber nicht die Kopiermuster, die sonst für Globalisierung charakteristisch sind, studieren kann.

Zweitens kommen die globalen Ursachen der Exklusion immer in einer lokalen oder regionalen Konstellation von Faktoren vor. Ein systemtheoretischer Schlüsselbegriff dafür heißt strukturelle Kopplung. Funktionssysteme sind autonom, sie sind global, aber man kann in ihrer Evolution nichtzufällige Kontiguitäten zu anderen Funktionssystemen beobachten, und diese wiederum können lokal und regional variieren. Für diese nichtzufälligen Kontiguitäten wollen wir den Begriff der strukturellen Kopplung verwenden (vgl. Luhmann 1993: Kap. 10). Es sind diese Sonderkonstellationen, aus denen man vermutlich eine deskriptive Landkarte der Exklusion in der gegenwärtigen Welt erstellen kann. Wir müssen dazu auf unser Theorem der Startpunkte, Beschleunigungsmechanismen und schließlich Auffangmechanismen für Exklusion zurückgreifen. Wenn man davon ausgeht, daß diese drei relevanten Positionen in verschiedenen Regionen der Welt verschieden besetzt sind und daß diese Besetzungen mit regional variierenden strukturellen Kopplungen zusammenhängen, wird ein Ansatz für das systematische Studium von Variationen in Exklusionsmustern sichtbar. Die von uns zu vergebenden Literaturstudien werden auf diese Fragestellung konzentriert sein (vgl. Abschnitt 3.5.2.3 des Arbeitsprogramms).

Ein Beispiel für eine möglicherweise folgenreiche strukturelle Kopplung zweier Funktionssysteme ist eine relativ enge Kopplung von Politik und Recht, was man auch eine politisierte, nicht auf autonome Entscheidungsverfahren gestützte Justiz nennen kann. Dort, wo dies vorliegt, ist anzunehmen, daß politische Exklusionsmotive, die ideologischer oder ethnischer Natur sein mögen, relativ unmittelbar in folgenreiche Exklusionen umgesetzt werden können, ohne daß Möglichkeiten des Appells an eine einigermaßen effektiv und schnell operierende Justiz als Stopmechanismen für Exklusionen dazwischentreten könnten. Das Problem wird noch einmal dort verschärft, wo die Politik selbst nicht eigentlich eigene Exklusionsinteressen verwaltet, sondern als Durchlaufmechanismus für wirtschaftliche Interessenlagen fungiert und in ihrer strukturellen Kopplung mit Recht eben diese wirtschaftlichen Interessenlagen vor dem Zugriff des Rechts zu schützen imstande ist. Einiges spricht dafür, daß diese dreistellige Konstellation von Wirtschaft, Recht und Politik bestimmte lateinamerikanische Situationen, insb. Brasilien, gut beschreibt (siehe am Beispiel von "Sklaverei" in Brasilien Moffett 1999). Andererseits fällt am lateinamerikanischen Fall, insb. wiederum Brasilien, die spezifische Bedeutung von Religion als Stopmechanismus für Exklusionen auf. In diesem Fall wird eine traditionelle Konstellation, Brasilien als ein klassisches katholisches Land, dadurch verändert, daß die Konkurrenz der aggressiv missionierenden evangelikalen Kirchen hinzutritt. In diesem Fall des Stopmechanismus hat es also nicht mit der strukturellen Kopplung zweier Funktionssysteme, sondern mit einer sich verschärfenden Konkurrenz (= Werben um Inklusionsbereitschaften) in einem Funktionssystem zu tun, wodurch die Bedeutung der Religion zunimmt.

Eine zweite regionale Literaturstudie sollte sich auf Afrika konzentrieren. Der genauere regionale Bezug ist hier noch festzulegen, aber es wäre wichtig, ein Land oder eine Region zu wählen, die eine möglichst hohe Diversität städtischer und ländlicher settings aufweisen, so daß möglicherweise Nigeria eine gute Option wäre. Eine Leitfrage könnte sein, inwieweit sich im afrikanischen Fall die Frage von Inklusion/Exklusion noch radikal anders stellt als in anderen Regionen der Welt. In dem Maße, in dem Gruppen, also beispielsweise Deszendenzzusammenhänge oder ethnische Assoziationen, eine eigene identitäts- und machterhaltende Strategie verfolgen, die die "Politik" der Inklusion/Exklusion potentieller neuer Gruppenmitglieder festlegt, werden für die operative Autonomie von Funktionssystemen enge Grenzen gesteckt (siehe interessant Berry 1989). Inklusionen und Exklusionen ergeben sich nicht als Seiteneffekte aus dem Operieren der Funktionssysteme; sie fallen vielmehr als strategische Entscheidungen von relevanten gesellschaftlichen Gruppierungen, mit denen diese Gruppenbildungen zugleich ihre Chancen der Partizipation an funktionssystemischen Kommunikationen festlegen, in Einzelfällen ausbauen, aber auch limitieren.

Eine dritte regionale Literaturstudie sollte sich schließlich vergleichend mit den extrem vielfältigen Slum- und Squattersiedlungen in den großen Metropolen Südasiens und Südostasiens beschäftigen. In Frage kämen hier Metropolen wie Bangkok, Karachi, Delhi, Bombay, Calcutta, Manila (siehe als Beschreibungen Yap 1995, Wegelin 1995, Sridharan 1995, Berner 1997, Waley 1997). Der Ausgangspunkt ist bei diesen Siedlungsformen immer, daß für Migranten keine marktvermittelten, sondern nur informelle Lösungen für Wohnen in Frage kommen. Daraus ergeben sich ungesicherte Rechtstitel auf das besiedelte Land; es entfallen marktbezogene Finanzierungsmöglichkeiten für bauliche Investitionen; daraus ergibt sich eine inkrementelle, gelegenheitsabhängige Bauweise; weiterhin ist nicht auf die klassischen staatlichen Infrastruktureinrichtungen zu rechnen (Kanalisation, Straßen etc.), was angebbare gesundheitliche und ökologischen Folgen nach sich zieht. Eine zentrale Variable ist jeweils auch die Erreichbarkeit denkbarer Arbeitsplätze, da bei den Verkehrsverhältnissen dieser Metropolen schnell vielstündige Anfahrtswege zur Arbeit einzurechnen sind (siehe auch Kienzle 1997). Die hier durchzuführende Literaturstudie wird darauf konzentriert sein, die für diese Metropolen in nicht geringem Maße vorhandene deskriptive Literatur systematisch daraufhin durchzusehen, wie jeweils die Kopplungen verschiedener Funktionssysteme in diesen Metropolen aussehen, welche Exklusionseffekte sich beobachten lassen und in welchen anderen Fällen trotz einer für unserer Verständnisse relativ ungesicherten Lebensweise von Exklusion keine Rede sein kann.

Der Begriff der strukturellen Kopplung ist aber auch für die beabsichtigten ländervergleichenden Analysen der Risiken kritischer Lebensereignisse zentral (vgl. Abschnitt 3.5.2.2 des Arbeitsprogramms). Unterschiede in den individuellen Folgen kritischer Lebensereignisse zwischen einzelnen Ländern werden in der Literatur u.a. auf nationale Besonderheiten des Arbeitsmarktes, der privaten Lebensformen und vor allem auf unterschiedliche "wohlfahrtsstaatliche Regimes" zurückgeführt. Entsprechende Typologien, etwa die Unterscheidung zwischen einem sozialdemokratischen, einem liberalen und einem konservativen Regime bei Esping-Andersen (1990), beschreiben unterschiedliche nationale Ausgestaltungen der inklusionsvermittelnden Instanz Wohlfahrtsstaat. Im Lichte der in diesem Projekt vorgenommenen Unterscheidung zwischen Inklusion und Exklusion (vgl. Abschnitt 3.5.1.3) würde sich das sozialdemokratische Regime als ein wohlfahrtsstaatliches Modell verstehen, das unmittelbar für die Inklusionsseite dieser Leitunterscheidung zuständig ist. Es muß dem einzelnen Bürger nicht Exklusion drohen oder schon begonnen haben; Inklusion ist vielmehr ein universalistisches Recht, unabhängig davon, ob es im Einzelfall in seiner Realisierung gefährdet ist, und insofern mischt der Wohlfahrtsstaat sich unmittelbar in die Garantie und die Durchsetzung dieses Rechts ein. Das liberale Modell optiert für die andere Seite der Unterscheidung, für die Exklusionsseite. Es fühlt sich nur dann zur Intervention verpflichtet, wenn Exklusionen drohen oder faktisch schon begonnen haben. Den Normalvollzug der Inklusion dagegen überläßt es der Selbstorganisation der einzelnen Funktionssysteme. Das konservative Modell wäre schließlich ein Modell, das die inklusionsvermittelnde Funktion des Wohlfahrtsstaats letztlich noch nicht auf Funktionssysteme bezieht, vielmehr Individuen in ständisch-korporative Einheiten inkludiert sieht und diese monosystemischen, stabilen Kontexte der Lebensführung zu garantieren versucht. Die entscheidende Frage ist hier nicht, auf welcher der beiden Seiten der Leitunterscheidung Inklusion/Exklusion der Wohlfahrtsstaat optiert; vielmehr geht es darum, daß der konservative Wohlfahrtsstaat Inklusion/Exklusion noch nicht ernsthaft auf die Autonomie der Funktionssysteme bezieht, sondern sich für korporativ-ständische Kontexte der Lebensführung des Individuums zuständig fühlt.

Mit diesen drei Modellen sind wiederum unterschiedliche strukturelle Kopplungen der Funktionssysteme verbunden: etwa die weitgehende Autonomie des Wirtschaftssystems im liberalen Modell, in dem sich der Staat weitgehend auf die Durchsetzung und Verbesserung der Angebotsbedingungen wirtschaftlichen Handelns beschränkt, oder die stellenweise Konkurrenz des öffentlichen Sektors mit dem Wirtschaftssystem durch staatlich finanzierte Beschäftigungsprogramme oder durch eine staatliche kontrollierte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes im sozialdemokratischen Modell. Das konservative Modell nimmt dagegen in vielerlei Hinsicht eine mittlere Position ein, insofern es Interventionen in das Wirtschaftssystem auf die Erhaltung der Strukturen beschränkt und mögliche Exklusionen der Individuen im wesentlichen durch monetäre Umverteilungen (Einkommenstransfers) bearbeitet.

3.5.1.5 Untersuchungsziele

Teilziele zur Dynamik glokaler Globalisierung

Ganz allgemein soll das Projekt die Frage untersuchen, wie globale Gegebenheiten die Frage der Inklusion der Gesellschaftsmitglieder auf lokaler (nationalstaatlicher) Ebene verändern und wie die daraus entstehenden Exklusionsprobleme lokal (nationalstaatlich) bearbeitet werden. Gegenüber der These einer mit der Globalisierung verbundenen Entterretorialisierung beharrt dieses Projekt daher zunächst einmal auf den nationalstaatlichen Differenzen der Häufigkeit, der Strukturen und der Verarbeitungsformen von Exklusion, auch wenn die Ursachen der Exklusion häufig globaler Natur sind. Ein wesentliches Untersuchungsziel des Projektes in der ersten und zweiten Projektphase besteht daher in der Herausarbeitung dieser nationalstaatlichen Differenzen, die wir u.a. auf unterschiedliche strukturelle Kopplungen der Funktionssysteme in den jeweiligen nationalen Kontexten zurückführen. Dieses allgemeine Untersuchungsinteresse teilt sich in der ersten Projektphase in folgende Teilziele auf:

1. Teilziel: Fallstudien ausgewählter Länder innerhalb und außerhalb der OECD

Durch im wesentlichen literaturbasierte Fallstudien ausgewählter Länder sollen die aktuell vorfindlichen, jedoch historisch gewachsenen Relationierungen der wichtigsten Funktionssysteme in den Ländern herausgearbeitet werden, auf die sich die folgenden empirischen Analysen beziehen. Für die Mitgliedsstaaten der OECD bietet die international vergleichende Sozialpolitikforschung (vgl. etwa Titmuss 1974, Korpi 1980, Esping-Andersen 1990, Korpi/Palme 1996) dazu hinreichend Material, das im Rahmen der Projektgruppe aufgearbeitet werden kann. Für die im vorigen Abschnitt genannten Nicht-OECD-Länder aus Lateinamerika, Afrika und Südostasien wird es jedoch notwendig sein, entsprechende Literaturexpertisen an (externe) Experten zu vergeben, die mit den landesspezifischen Verhältnissen vertraut sind. Hierbei wird auf das an der Fakultät für Soziologie im Forschungsschwerpunkt "Entwicklungssoziologie" versammelte Fachwissen zurückgegriffen.

2. Teilziel: Ländervergleichende Analyse der Folgen kritischer Lebensereignisse für die Lebensläufe der betroffenen Individuen

Anhand vorliegender Längsschnittdatensätze sollen die Exklusionsrisiken, die mit bestimmten kritischen Lebensereignissen verbunden sind, bevölkerungsrepräsentativ abgeschätzt werden, wobei insbesondere die Interaktion der Exklusionen in unterschiedlichen Lebensbereichen und die nationalstaatliche Variation dieser Risiken im Vordergrund steht. Soweit möglich, soll die zeitlich-historische Entwicklung der Exklusionsrisiken aus den Daten rekonstruiert werden, jedoch ist zu befürchten, daß sich dieses Untersuchungsziel aufgrund der begrenzten Laufzeit der bisher verfügbaren Panelstudien nur unzureichend umsetzen läßt. Von daher werden sich die empirischen Arbeiten hier im wesentlichen auf den Ländervergleich beschränken müssen, wobei wir uns aufgrund der Datenlage auf die Länder aus dem OECD-Bereich beschränken, für die vergleichbare Längschnittdaten mit hinreichender Laufzeit vorliegen: Deutschland, Frankreich, USA und Großbritannien. In der ersten Projektphase soll zunächst ein Vergleich zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland stattfinden.

3. Teilziel: Entwicklung und Erprobung von Erhebungsmethoden zur Mikroanalyse der Exklusionskarrieren ausgewählter Risikogruppen

In einer eher qualitativ angelegten Mikroanalyse der Lebensverläufe ausgewählter Risikogruppen sollen die Startpunkte, Beschleuniger und Auffangmechanismen von Exklusionskarrieren untersucht werden. Dies schließt eine Ausleuchtung der biographischen Bedeutung dieser Prozesse für die Individuen und deren Identitätsbildung ein. Dieses vor allem empirisch sehr aufwendige Untersuchungsziel soll zunächst in einem Land (Deutschland) erprobt werden, ehe es dann in den folgenden Projektphasen durch Vergleichsstudien in anderen Länder vollständig umgesetzt werden kann.

Teilziele zu den Strukturformen der Globalisierung

Auf der empirischen Ebene geht es also darum zu zeigen, wie sich die nationalstaatlich variierenden Exklusionsrisiken in den Lebensläufen der Individuen niederschlagen. Damit möchte das Projekt zu einem tieferen Verständnis von zwei Strukturformen der Weltgesellschaft beitragen: erstens individuelle Lebensläufe in der Form von Exklusionskarrieren und zweitens Funktionssysteme, die in ihrer Struktur zwar transnational angelegt, gleichwohl historisch gewachsen und damit in spezifischer Weise regional miteinander gekoppelt sind. Funktionssysteme sind hier insofern von Bedeutung, als sie die Positionen (Rollen) liefern, die individuelle Lebensläufe konstituieren.

4. Teilziel: Theoretische Ausarbeitung von Mustern struktureller Kopplung von Funktionssystemen

Hier geht es darum, auf der Basis der oben unter (1) genannten Fallstudien unterschiedliche, nationalstaatliche Muster der Ausgestaltung und strukturellen Kopplung einzelner Funktionssysteme zu identifizieren, um damit individuelle Exklusionskarrieren als einen multidimensionalen, kumulativen und sequentiell vernetzten Prozeß beschreiben zu können.

5. Teilziel: Theoretische Ausarbeitung zu den Strukturelementen von Exklusionskarrieren

Von zentraler Bedeutung für den einzelnen Lebensverlauf sind die unterschiedlichen Leistungs- und Publikumsrollen, die Individuen in einzelnen Funktionssystemen einnehmen können. Diesbezüglich benötigt der systemtheoretische Ansatz eine mikrosoziologische Erweiterung, die erklärt, welche Auswirkungen die Übernahme bestimmter (bzw. die mangelnde Erfahrung mit bestimmten) Leistungs- und Publikumsrollen in einzelnen Funktionssystemen für das Handeln der Individuen in anderen Kontexten hat. Hierfür sollen die Verwendbarkeit von Ressourcenansätzen auf der einen Seite und von Leistungstheorien auf der anderen Seite geprüft werden. Schließlich ist zu klären, welchen zusätzlichen Erklärungswert andere soziale Differenzierungen haben, die nicht dem theoretischen Ansatz funktionaler Differenzierung zugerechnet werden können, wie z.B. Raum, Ethnie oder Schicht.

Ziele der zweiten Projektphase: 2003-2005

Die Anzahl der zu vergleichenden Länder, aber auch die Schwierigkeiten des Feldzugangs machen es notwendig, daß einzelne Untersuchungsziele über mehrere Projektphasen verteilt werden.

6. Teilziel: Ländervergleichende Mikroanalysen der Exklusionskarrieren ausgewählter Risikogruppen

Dies gilt im besonderen Maße für Ländervergleich der Lebensverläufe ausgewählter Risikogruppen. Die dazu notwendigen (biographischen) Methoden sollen in der ersten Projektphase zunächst für die Bundesrepublik erprobt und umgesetzt werden (vgl. 3. Teilziel), ehe sie dann in der zweiten Projektphase auf andere Länder übertragen werden. Um welche Länder es sich hierbei handelt, kann erst nach Abschluß der unter (1) genannten Fallstudien definitiv beantwortet werden.

7. Teilziel: Erweiterung des Ländervergleichs und Längsschnittanalyse kritischer Lebensereignisse

Bei den quantitativen Längsschnittanalysen der mit kritischen Lebensereignissen verbundenen Exklusionsrisiken geht es dagegen vor allem um eine Perspektivenerweiterung der bereits unter Teilziel 2 gewonnen Erkenntnisse. Durch Einbezug weiterer Länder mit bis dato länger laufenden Paneluntersuchungen soll das Spektrum unterschiedlicher struktureller Kopplungen von Funktionssystemen in verschiedenen Ländern der OECD abgedeckt werden. Die zum heutigen Zeitpunkt (1999) verfügbaren längeren Panels in Frankreich und Großbritannien decken dieses Spektrum nur teilweise ab, weil beide Länder jeweils gewisse Ähnlichkeiten mit den beiden Untersuchungsländern (D, USA) der ersten Projektphase haben. Wichtig wäre der Einbezug eines skandinavischen und eines südeuropäischen Landes.

3.5.2 Arbeitsprogramm

Bei der empirischen Umsetzung der zuvor genannten Untersuchungsziele sind mindestens drei Schwierigkeiten zu bewältigen. Erstens: Die international vergleichende Sozialpolitikforschung, die für unsere Fragestellung einschlägig ist, beschränkt sich in der Regel auf die Industrieländer in Westeuropa, Nordamerika und den fernen Osten (Japan, Australien, Neuseeland). Dementsprechend stehen Datenquellen, auf die dieses Projekt zurückgreifen könnte, nur für einen eng begrenzten Kreis von Nationalstaaten zur Verfügung, die, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten, alle durch relativ ähnliche Muster struktureller Kopplung der Funktionssysteme gekennzeichnet sind (sprich einer Dominanz der Funktionssysteme Wirtschaft und Politik, ergänzt um Familie und Erziehung). Zweitens: Eine längsschnittliche Analyse von Exklusionskarrieren ist in der Regel teuer und aufwendig. Von daher ist es notwendig, auf vorhandene Paneluntersuchungen zurückzugreifen, die jedoch aufgrund ihres sozio-ökonomischen Zuschnitts thematisch nur einen eingeschränkten Set der hier zu untersuchenden Leistungs- und Publikumsrollen abdecken. Drittens: Auch wenn man unterstellt, daß Exklusionsrisiken in einigen Ländern zunehmen, so sind diese Phänomene quantitativ immer noch gering. In entsprechenden Bevölkerungsquerschnitten sind sie, wenn keine besonderen Vorkehrungen getroffen werden (z.B. durch Überrepräsentierung), nur mit geringer Fallzahl vertreten. Auch gibt es Hinweise darauf, daß die Austrittswahrscheinlichkeit aus den vorliegenden Längsschnittuntersuchungen für die Personen überdurchschnittlich hoch ist, die von Exklusionsrisiken betroffen sind.

Das Forschungsprojekt verfolgt daher einen über mehrere Jahre angelegten Multi-Methodenansatz, um die praktischen Probleme einer umfassenden Analyse von Exklusionsrisiken zumindest teilweise zu kontrollieren. Um sich bei der vergleichenden Analyse nicht allein auf die (klassischen) Industrieländer der Sozialpolitikforschung zu beschränken, sollen erstens Fallstudien für ausgewählte Staaten Osteuropas, Lateinamerikas und des fernen Ostens in der Form von Literaturexpertisen an externe Experten vergeben werden. Zweitens sollen die Auswirkungen kritischer Lebensereignisse, die die Kontinuität von Leistungs- und Publikumsrollen in einzelnen Funktionssystemen unterbrechen können, auf individuelle Lebensläufe in ausgewählten OECD-Ländern anhand einer Sekundäranalyse vorhandener Längsschnittdatensätze untersucht werden. Da diese Längsschnittdatensätze nur bestimmte Themenbereiche abdecken -- in der Regel Haushaltszusammensetzung, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherung, weniger jedoch politische Partizipation, Mitgliedschaft in Organisationen, soziale Netzwerke, rechtliche Gleichstellung und ähnliches mehr -- und zudem vermutet werden kann, daß das individuelle Ausscheiden aus solchen Längsschnittbefragungen mit der Exklusion aus mehreren Funktionssystemen korreliert, sind schließlich drittens eigene biographische Interviews mit Gruppen von Individuen vorgesehen, bei denen a priori eine Kumulation von Exklusionsrisiken vermutet werden kann, die jedoch nicht notwendigerweise in eine Exklusionskarriere einmünden müssen. Anders ausgedrückt: Durch eine Kontrastierung positiver und negativer Entwicklungsverläufe sollen die entscheidenden Startpunkte, Beschleuniger und Auffangmechanismen einer Exklusionskarriere identifiziert werden. Die Gruppen sollen dabei so gewählt werden, daß Exklusionen aus unterschiedlichen Funktionssystemen untersucht werden können: z.B. Alleinerziehende (Familie, Intimbeziehungen), Langzeitarbeitslose (Wirtschaft), Jugendliche ohne Berufsausbildung (Erziehung), ethnische Minoritäten (Recht, Politik), Wohnungslose (mangelnde Adressierbarkeit schlechthin). Entsprechende Untersuchungen sollen in der ersten Förderphase zunächst in Deutschland begonnen werden und in folgenden Förderphasen auf andere Länder übertragen werden, zu denen aus den beiden anderen methodischen Zugängen Informationen vorliegen.

Forschungsstrategisch sollen sich der zweite und der dritte Untersuchungsansatz wechselseitig ergänzen und kontrollieren. Während es bei der quantitativen Analyse der Längsschnittdatensätze darum geht, die potentiellen Risiken kritischer Lebensereignisse als mögliche Startpunkte von Exklusionskarrieren repräsentativ abzuschätzen, ist es Ziel der biographischen Interviews, eine möglicherweise vorliegende Exklusionskarriere mit Hilfe quantitativer und qualitativer Methoden retrospektiv zu rekonstruieren und dabei ihre entscheidenden Start- und Wendepunkte in Abgrenzung zu den positiven Karriereverläufen in der Untersuchungsgruppe zu identifizieren. Die verstärkenden Effekte des Raumes sollen dabei in besonderer Weise untersucht werden, indem ein Teil der Stichprobe aus einem infrastrukturell unterausgestattetem Gebiet ausgewählt wird. Alle drei Untersuchungsansätze sollen im folgenden kurz beschrieben werden. Dabei beginnen wir mit dem biographischen Ansatz, der zunächst in der Bundesrepublik angewendet werden soll.

3.5.2.1 Biographische Interviews mit ausgewählten Risikogruppen

Um die spezifischen Effekte einzelner Funktionssysteme inkl. deren Interaktionen zu analysieren, werden zunächst für die Bundesrepublik in einer Art Kontrastgruppenvergleich Personen miteinander verglichen, die durch Ausgrenzungsrisiken aus verschiedenen Funktionssystemen charakterisiert sind. Sie sollen bezüglich ihrer sozialen Merkmale innerhalb der Gruppen möglichst homogen, hinsichtlich des Risikos des Ausschlusses aus einzelnen Funktionssystemen aber möglichst verschieden sein. Untersucht werden soll, ob und in welcher Weise die Exklusion aus Funktionssystem x die Exklusionsrisiken aus anderen Funktionssystemen erhöht. Prinzipiell lassen sich für einen solchen Kontrastgruppenvergleich eine Vielzahl von Gruppen benennen, aus erhebungstechnischen Gründen (Feldzugang, Fallzahl) ist jedoch eine Beschränkung auf 4-5 Gruppen sinnvoll. Wir wollen uns auf Ausländer (türkischer Nationalität), Wohnungslose, Alleinerziehende und Arbeitslose konzentrieren, deren Exklusionsrisiken in Tabelle 2 überblicksartig beschrieben werden. Neben diesen vier "Risiko"gruppen soll eine Gruppe von Führungskräften aus der Wirtschaft betrachtet werden, die gemeinhin nicht als von Exklusionrisiken betroffen wahrgenommen wird (dazu unten mehr).

Tabelle 2 hier einfügen

Die Merkmale "Ausländer", "wohnungslos", "alleinerziehend" und "arbeitslos" implizieren nicht, daß die entsprechenden Personen auch notwendigerweise aus mehreren Funktionssystemen gleichzeitig ausgeschlossen sind. Wir vermuten lediglich, daß die Wahrscheinlichkeit einer Exklusion aus den in Tabelle 2 genannten und weiteren Funktionssystemen für diese Gruppen überdurchschnittlich hoch ist. Von daher haben die genannten Merkmale zunächst einmal nur Indikatorfunktion, und es ist Aufgabe dieses Forschungsvorhabens, die Bedingungen genauer zu untersuchen, unter denen es zu einer Kumulation von Einzelexklusionen kommt. Diese können prinzipiell sowohl an den Leistungs- als auch an den Publikumsrollen des jeweiligen Funktionssystems ansetzen. Für die hier ausgewählten Gruppen lassen sich in diesem Zusammenhang ganz unterschiedliche Kernprobleme benennen. Während der beschränkte Zugang zu oder die Exklusion aus Funktionssystemen beispielsweise bei Alleinerziehenden durch das Fehlen von (stabilen) Partnerbeziehungen und die damit verbundene (vor allem zeitliche) Involvierung in ein Funktionssystem (Erziehung), die die Übernahme von Rollen in anderen Funktionssystemen beschränkt, zu verstehen ist, ist im Fall der Wohnungslosen eine Mehrzahl von Exklusionen aus unterschiedlichen Funktionssystemen wahrscheinlich (Wirtschaft, persönliche Beziehungen, Recht usw.), die dadurch verschärft werden, daß die entsprechenden Personen mangels (stabiler) Wohnadressen auch aus dem gesellschaftlichen Kommunikationszusammenhang abgedrängt werden. Bei den Ausländern liegen die Kernprobleme hingegen vor allem in ihrem rechtlichen Status und den daraus resultierenden Beschränkungen im politischen und wohlfahrtsstaatlichen System, die teilweise durch ihre illegale Anwesenheit forciert werden. Bei Arbeitslosen ist wiederum das Risiko einer Exklusion aus dem Wirtschaftssystem dominant.

Mit diesen vier Gruppen lassen sich Exklusionsprozesse untersuchen, die in mindestens fünf verschiedenen Funktionssystemen ihren Startpunkt haben können: Wirtschaft, Familie, Recht, Erziehung, Politik. Darüber hinaus sollen drei weitere soziale Differenzierungen durch das Untersuchungsdesign berücksichtigt werden: verfügbare Ressourcen, Lebensalter und Wohnort (vgl. dazu auch Tabelle 2).

- Ressourcen: Bei der Diskussion der Untersuchungsziele hatten wir auf das Problem der "Übersetzungsregeln" hingewiesen, also auf die Frage, wie sich Exklusionen in einem Bereich in anderen bemerkbar machen. Viele Erklärungen einer Kumulation von Exklusionen in mehreren Bereichen beziehen sich dabei auf die mangelnde Ressourcenausstattung der betroffenen Personen mit Einkommen, Besitz, Ausbildung, Macht usw. Für uns ist das eine offene empirische Frage, und deshalb wollen wir bei den Alleinerziehenden, Ausländern und Langzeitarbeitslosen jeweils zu gleichen Teilen Personen mit geringer und hoher Ressourcenausstattung befragen. Als Ressourcenindikator wollen wir dabei das Einkommen verwenden. Eine wichtige Kontrollgruppe ist in diesem Zusammenhang auch die bisher nur kurz erwähnte fünfte Untersuchungsgruppe der Führungskräfte. Sie sollen so ausgewählt werden, daß sie in einem spezifischen Aspekt mit den Alleinerziehenden vergleichbar sind, nämlich in ihrem Zeitmangel aufgrund ihrer hochgradigen Einbindung in ein einziges Funktionssystem (Führungskräfte: Wirtschaft, Alleinerziehende: Familie).[11] Gleichzeitig verfügen sie aber aufgrund ihrer gehobenen beruflichen Stellung über eine Vielzahl von Ressourcen, so daß die Vermutung naheliegt, daß die möglichen Exklusionen aus anderen Funktionskontexten ein geringeres Problem darstellen als bei den Alleinerziehenden.

- Lebensalter: Da mögliche Auffangpositionen lebenszyklisch ungleich verteilt sind, ist es für die Analyse der Strukturform Lebenslauf aus unserer Sicht entscheidend, wann Exklusionserfahrungen auftreten. Der Startpunkt einer Exklusionskarriere kann entweder früh innerhalb des Lebenslaufs einer Person beginnen (z.B. vor Eintritt in des Erwerbssystem) oder aber in den mittleren bis späteren Altersjahren. Zunächst einmal ist zu vermuten, daß die subjektive Bedeutung der Exklusionserfahrungen in beiden Fällen ganz erheblich variiert. Im ersten Fall hat sie den Charakter eines verhinderten Ein- oder Aufstiegs, im zweiten Fall den Charakter eines frühzeitigen Aus- oder Abstiegs. Vor allem aber stehen den betroffenen Personen in Abhängigkeit vom Lebensalter unterschiedliche Alternativrollen zur Verfügung, bzw. es existieren anerkannte Legitimationsmuster, die es den Personen erlauben, bestimmte Rollen noch nicht oder nicht mehr einzunehmen. Man denke etwa an die sozial "gebilligten" Formen der Arbeitslosigkeit in Form von verlängerten Ausbildungszeiten oder in Form eines vorgezogenen Ruhestands. Aus diesem Grund wollen wir die vier Risikogruppen zu gleichen Teilen nach dem biographischen Kontext möglicher Exklusionserfahrungen differenzieren.

- Wohnort: Schließlich weisen die empirischen Forschungen über die Entstehung einer "urban underclass" immer wieder darauf hin, daß Exklusionsrisiken in bestimmten städtischen oder ländlichen Räumen wegen der infrastrukturellen Verarmung dieser Gebiete verstärkt auftreten. Anders ausgedrückt: In sozialräumlich segregierten Gebieten mit geringerer Infrastrukturausstattung ist eine Abkopplung von den gesellschaftlichen Kommunikationen wahrscheinlicher. Deswegen sollen die Risikogruppen zur Hälfte aus einem infrastrukturell verarmten Stadtgebiet rekrutiert werden (ausgenommen natürlich die Gruppe der Wohnungslosen, die gar nicht mehr über eine Wohnadresse verfügen).

Neben diesen Differenzierungen nach Ressourcenausstattung, Lebensalter und Wohnort lassen sich die fünf Untersuchungsgruppen wie folgt weiter eingrenzen:

Alleinerziehende: Sie machten 1995 einen Anteil von 15,7% an allen Familien mit Kindern im früheren Bundesgebiet aus. In den neuen Bundesländern und Berlin-Ost betrug der Anteil 25,9% (Statistisches Bundesamt 1997: 33). Der überwiegende Anteil (84%) der Alleinerziehenden sind Frauen, und in der Mehrzahl der Fälle (60%) ist ihre Situation auf eine Scheidung oder Trennung zurückzuführen, gefolgt von den Personen, die noch nie verheiratet waren (30%; vgl. Statistisches Bundesamt 1997: 33f.). Das Einkommensarmutsrisiko von Alleinerziehenden wird durchweg in allen Untersuchungen als besonders hoch eingeschätzt (z.B. Statistisches Bundesamt 1997: 524), so daß davon auszugehen ist, daß die meisten Haushalte von Alleinerziehenden über ein geringes bis sehr geringes Haushaltseinkommen verfügen. Der Anteil der Alleinerziehenden an allen Sozialhilfeempfängern ist über Jahre auf einem konstant hohen Niveau (vgl. z.B. Bundesregierung 1993: 17, 27). Verglichen mit den anderen drei Untersuchungsgruppen konstituieren die genannten Merkmale (alleinerziehend, weiblich, geringes Einkommen) eine relativ homogene Gruppe, auch wenn die anderen sozialstrukturellen Merkmale (z.B. Ausbildung, Beruf, Erwerbsstatus usw.) und insbesondere die Gründe für den Alleinerziehenden-Status differieren mögen. Das letztgenannte Kriterium bietet aber gleichzeitig die Möglichkeit, die Gruppe der (weiblichen) Alleinerziehenden im Hinblick auf den biographischen Zeitpunkt ihrer möglichen Exklusionskarriere zu differenzieren, und zwar in Alleinerziehende nach einer Scheidung oder Trennung einerseits und Alleinerziehende ohne vorherige Eheschließung andererseits. Es ist zu vermuten, daß beide Gruppen auch altersmäßig erheblich differieren.

Wohnungslose: Der quantitative Umfang der Wohnungslosen ist für die Bundesrepublik schwer abzuschätzen, da einschlägige Erhebungen, insbesondere für die neuen Bundesländer, fehlen (Specht-Kittler 1992, König 1998). Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht man für 1994 von ca. 180.000 westdeutschen Ein-Personen-Haushalten ohne Wohnung aus (darunter ca. 45.000 Obdachlose; vgl. ähnlich für 1995 Statistisches Bundesamt 1997: 511). Die Gesamtzahl aller westdeutschen Haushalte ohne Wohnung wird für 1994 auf ca. 850.000 geschätzt (1995: 900.000, vgl. Statistisches Bundesamt 1997: 511). Diese Gruppe ist in sich jedoch sehr heterogen. Eine Typologie nach Rechtsstatus unterscheidet beispielsweise zwischen 1. offiziell als Obdachlose registrierten und anerkannten Personen (deutsche alleinstehende Obdachlose, deutsche obdachlose Familien), 2. verdeckten Wohnungslosen ohne offizielle Registrierung und Anerkennung (Mitbewohner, Anstaltsbewohner, Hausbesetzer, Personen in Arbeitgeberunterkünfte), 3. wohnungslosen Asylbewerbern und 4. wohnungslosen Aussiedlern (Specht-Kittler 1992: 33). Ein Großteil dieser Personen lebt in Billighotels, Pensionen, Heimen, Anstalten oder in Not- und Übergangsunterkünften und hat insofern zumindest zeitweise "ein Dach über dem Kopf". Wir wollen uns hier auf alleinstehende Wohnungslose beschränken und dabei insbesondere auf die Gruppe der sogenannten "Nichtseßhaften", da anzunehmen ist, daß ihre Exklusionskarriere am weitesten fortgeschritten ist, nicht nur den Ausschluß aus dem Wohnungsmarkt, sondern wahrscheinlich auch aus dem Familiensystem betrifft und schließlich, im Gegensatz zu Asylbewerbern und Aussiedlern, auch nicht an einen (häufig temporären) Sonderstatus geknüpft ist. Ein Großteil dieser alleinstehenden Wohnungslosen besteht aus Männern mittleren Alters, auch wenn der Anteil der Frauen und insbesondere der der Kinder und Jugendlichen laut neuesten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in den letzten Jahren ganz erheblich zugenommen hat. Da sich jedoch die Situation alleinstehender Wohnungsloser Frauen insbesondere in den Entstehungsbedingungen ihrer Wohnungslosigkeit zentral von der der Männer unterscheidet (Geiger et al. 1991), wollen wir uns bei der Erhebung auf männliche Wohnungslose konzentrieren. Dabei sollen (männliche) Kinder und Jugendliche ("Straßenkinder") getrennt von Erwachsenen ("klassische" Nichtseßhafte) untersucht werden, um der unterschiedlichen biographischen Bedeutung der Exklusionskarriere gerecht zu werden.

Ausländer: Bei ihnen handelt es sich ebenfalls um eine sehr heterogene Gruppe, deren quantitative Erfassung ebenfalls mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist. Formal zählen hierzu alle Personen nicht-deutscher Staatsangehörigkeit. Ende 1995 waren es ca. 7,2 Millionen oder 8,8% der Wohnbevölkerung (Statistisches Bundesamt 1997: 39). Die größte Gruppe darunter sind Ausländer und Ausländerinnen aus den klassischen Anwerbeländern ("Gastarbeiter") inkl. ihre nachgezogenen Familienangehörigen. Dazu gehören aber auch Asylbewerber und Flüchtlinge, EU-Migranten und sonstige Ausländer. Schließlich könnte man fragen, ob nicht auch Aussiedler aus Ost-Europa, die zwar in der Regel einen deutschen Paß erhalten, aufgrund ihrer Herkunft ebenfalls zu dieser Gruppe gezählt werden sollten, weil sie in vielerlei Hinsicht ebenfalls den Status des Fremden innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft haben. Unter Einschluß der Aussiedler würde man dann besser von Zuwanderern oder Migranten statt von Ausländern sprechen. Die Gruppe der Ausländer interessiert hier vor allem, weil sie von Exklusionsprozessen aus dem politischen System und dem Rechtssystem betroffen ist. Ausschlaggebend ist dafür in erster Linie ihre nicht-deutsche Staatsbürgerschaft. Als Ausländer sind sie, abgesehen von kommunalen Mitbestimmungsrechten, aus der Rolle als Wähler ausgeschlossen und dürfen keine Parteien gründen. Ihr eingeschränkter Rechtsstatus hat aber auch Auswirkungen auf die Form der Inklusion in andere Funktionssysteme. Von der Art ihrer Aufenthaltsgenehmigung ist beispielsweise die Erteilung der Arbeitserlaubnis und damit die Form der Partizipation an Erwerbsarbeit abhängig. Insgesamt gesehen ist es also weniger ihr Status als Fremde, der die hier zu untersuchenden Exklusionsprozesse bestimmt. Dies spricht gleichzeitig dafür, Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft (d.h. vor allem Aussiedler) bei der Auswahl dieser Untersuchungsgruppe unberücksichtigt zu lassen. Stattdessen wollen wir uns auf Ausländer ("Gastarbeiter") aus den klassischen Anwerbeländern (u.a. Italien, Spanien, Portugal, Ex-Jugoslawien, Griechenland, Türkei) und ihre Familienangehörigen konzentrieren. Alle Untersuchungen zeigen, daß Türken eine besondere Gruppe innerhalb der Gastarbeiter-Nationalitäten sind: "Einerseits stellen die Türken die größte Ausländergruppe in Deutschland dar [...]. Andererseits unterscheiden sich [Türken und die anderen Gastarbeiter-Nationalitäten] sowohl religiös-kulturell - Christentum-Islam - als auch in Hinsicht auf ihre Zuwanderungszeiträume, wobei die Türken in der Mehrzahl erst in den siebziger Jahren und die übrigen Nationalitäten zu etwa gleichen Anteilen in den sechziger bzw. siebziger Jahren zugewandert sind" (Testrot 1997: 37). Insbesondere der andere religiös-kulturelle Hintergrund der Türken erlaubt interessante Rückschlüsse auf Exklusionsrisiken und Inklusionschancen in das Funktionssystem Religion und dessen Interaktion mit anderen Funktionssystemen. Wir wollen uns daher bei der Untersuchungsgruppe der Ausländer auf Personen türkischer Nationalität beschränken, wobei wir zwischen Türken der ersten und zweiten Generation unterscheiden, um die unterschiedliche zeitliche Verortung des Aufenthaltes in der Bundesrepublik in der Biographie der Untersuchungspersonen zu kontrollieren. Genauer gesagt wollen wir zwischen denjenigen unterscheiden, die in den siebziger Jahren zugewandert sind, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen, und den anderen, die einen wesentlichen Teil ihrer Kindheit und Jugend in der Bundesrepublik verbracht haben und damit Teil des bundesdeutschen Ausbildungsystems waren.

Arbeitslose: Die aktuelle empirische Forschung zum Thema Arbeitslosigkeit ist sich weitgehend einig, daß Arbeitslosigkeit nicht per se ein Exklusionssrisiko ist. Das hängt u.a. damit zusammen, daß Arbeitslosigkeit für einen Teil der Betroffenen nur ein vorübergehendes Phänomen ist und beispielsweise der mögliche Einkommensausfall zum Teil durch den Haushaltskontext oder durch soziale Sicherungssysteme aufgefangen wird (beispielhaft Büchtemann 1983, Ludwig-Mayerhofer 1992, Müller et al. 1996). Soziale Ausgrenzungsprozesse werden vor allem für Langzeitarbeitslose berichtet (Kronauer et al. 1993, Rudolph 1992, Wagner 1995). Dies sind nach Definition der Bundesanstalt für Arbeit Personen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Eine Schwierigkeit bei der empirischen Eingrenzung der Gruppe der Langzeitarbeitslosen ist die Tatsache, daß es verschiedene sozial gebilligte oder erwünschte Formen des Ein- und Ausstiegs aus dem Erwerbssystem gibt, die - zum Teil sozialpolitisch gestützt - unterschiedliche individuelle Bewältigungsformen der Exklusion aus dem Wirtschaftssystem zur Folge haben. Das sind zum einen die "Alternativrollen", die den Frauen in Familie und Haushalt zur Verfügung stehen. Das ist zum anderen der (vorgezogene) Ruhestand, der älteren Arbeitslosen (frühzeitig) den endgültigen Rückzug aus dem Erwerbssystem ermöglicht. Beide Gruppen müßten daher im Grunde getrennt von den anderen Langzeitarbeitslosen berücksichtigt werden (so auch in der Typologie bei Kronauer et al. 1993). Aus pragmatischen Gründen wollen wir beide Gruppen aus unserer Untersuchung auschließen und uns auf männliche Langzeitarbeitslose unter 50 Jahre beschränken. Ähnlich kritisch muß aber auch die Einstiegsphase mit ihrem fließenden Übergang vom Ausbildungs- in das Erwerbssystem gesehen werden. Dies macht es schwierig, ähnlich wie bei den anderen Untersuchungsgruppen auch bei den Langzeitarbeitslosen nach dem Startpunkt der möglichen Exklusionskarriere zu differenzieren. Während bei männlichen Arbeitslosen mittleren Alters die Arbeitslosigkeitsdauer aufgrund der offiziellen Registrierung noch relativ einfach zu rekonstruieren sein wird, lassen sich die ebenfalls langjährigen Einstiegsprobleme von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt sehr viel schwieriger empirisch operationalisieren. Intendiert ist aber auch bei der Gruppe der Langzeitarbeitslosen ein Vergleich möglicher Exklusionskarrieren zu einem relativ frühen und zu einem späteren Zeitpunkt einer Individualbiographie.

Führungskräfte: Diese Gruppe läßt sich sachlich und quantitativ nur sehr unscharf eingrenzen. Baethge et al. verstehen in ihrer Untersuchung über Führungskräfte in der Industrie darunter "jene quantitativ wachsenden und strategisch bedeutsamen höheren Angestelltengruppen [...], die entweder eine verantwortliche Leitungstätigkeit mit Anordnungsbefugnissen gegenüber hierarchisch unterstellten Personen in der Produktion ausüben oder in 'indirekten' Funktionen in Forschung, Entwicklung, Planung oder bei der wirtschaftlichen Gestaltung und Kontrolle von Produktion und Marktbeziehungen tätig sind" (Baethge et al. 1995: 11). Über den quantitativen Umfang dieser Gruppe geben sie keine Auskunft. Neuere empirische Untersuchungen verwenden in der Regel kleine Samples (Baethge et al. 1995: N=176, Ulrich / Thielemann 1992: N=60, Scheuch / Scheuch 1995: N=143) und eine Auswahl nach Zugänglichkeit, häufig vermittelt über Kontakte zu Personalleitern oder Gewerkschaften. Eventuelle Zugangsprobleme scheinen trotz der erwartbaren Zurückhaltung der Unternehmensleitungen überwindbar zu sein, weil nach übereinstimmender Auskunft mehrerer (industriesoziologischer) Forscherkollegen das Interesse an soziologischer Beobachtung angesichts der Umbruchs- und Belastungssituation in diesem Beschäftigungsegment hoch ist. Um eine ausreichende Anzahl weiblicher Führungskräfte zu rekrutieren, ist es jedoch notwendig, den Dienstleistungssektor einzubeziehen, da der Anteil weiblicher Führungskräfte in der Industrie eher gering ist.

Die Stichprobengröße aller fünf Untersuchungsgruppen kann Tabelle 2 entnommen werden. Der Feldzugang befindet sich teilweise schon in Vorbereitung. Die im folgenden genannten Ansprechpersonen sind zugleich als Gesprächspartner für mögliche Expertengespräche als Einstieg in das Forschungsfeld vorgesehen. Bis auf die Straßenkinder und Führungskräfte sollen alle anderen Untersuchungspersonen in Bielefeld rekrutiert werden.

- Für die Gruppe der Straßenkinder ist ein Zugang v.a. über den "Verein für soziale Arbeit" in Münster (Ansprechpartner: Peter Hansbauer) möglich. Der Zugang zu den erwachsenen Obdachlosen soll über die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe in Bielefeld (Ansprechpartner: Thomas Specht-Kittler) und über andere Hilfeeinrichtungen in Bielefeld, insbesondere über das Amt für soziale Dienste (Ansprechpartner: Andreas Kemper) gewählt werden.

- In Bielefeld gibt es ebenfalls eine großen Anteil türkischer Bürger und Bürgerinnen mit zum Teil eigenen Freizeit- und Kultureinrichtungen. Hier ist ein Zugang entweder über private Kontakte nach dem Schneeballverfahren, über türkische Einrichtungen oder über eher anonyme Kontaktverfahren (z.B. Zeitungsannoncen) möglich. Ein Promotionsvorhaben zur wechselseitigen Wahrnehmung und Bewertung von Jugendlichen deutscher und türkischer Herkunft (Brüß 1999) wird vom ersten Antragsteller betreut, aus dem sich weitere Kontakte ergeben.

- Langzeitarbeitslose sollen über Kooperationen mit dem Bielefelder Arbeitsamt und örtlichen Beschäftigungsinitiativen angesprochen werden. Der letztere Zugangsweg ist insbesondere für langzeitarbeitslose Jugendliche zu prüfen.

- Für die Rekrutierung der (weiblichen) Führungskräfte wollen wir auf die Kontakte eines von gemeinnützigen Hertie-Stiftung geförderten und an der Fakultät für Soziologie in Bielefeld durchgeführten industriesoziologischen Forschungsprojektes zurückgreifen. Unter dem Titel "Familienorientierte Personalpolitik als Teil der Unternehmenspolitik" wurden dabei Fallanalysen in klassischen Branchen des Dienstleistungssektors (Kreditwirtschaft, Versicherungsgewerbe, Handel) durchgeführt. Der Anteil weiblicher Führungskräfte ist in diesen Branchen vergleichsweise hoch.

Am schwierigsten gestaltet sich die Auswahl der alleinerziehenden Frauen, da sie im Gegensatz zu den anderen Gruppen keine sozial sichtbaren Anlaufpunkte haben. Eine mögliche Auswahl über das Bielefelder Sozialamt (Ansprechpartner: Peter Kemper) soll nicht ausgeschlossen werden, ist jedoch datenschutzrechtlich problematisch. Eine Auswahl über Vereine und Selbsthilfe-Initiativen selektiert wahrscheinlich eine spezifische Gruppe von Alleinerziehenden. Hier sind also noch alternative Zugangswege zu finden. Was schließlich die Quotierung der Alleinerziehenden, Ausländer und Langzeitarbeitslosen nach dem Wohnort anbetrifft, so lassen sich mit der Bielefelder Datenbank "Sozialhilfe-Statistik" (Farwick 1999) und den sozialräumlichen Analysen des Bielefelder Armuts- und Sozialberichts (Sozialplanung 1998) relativ genau Stadtgebiete eingrenzen, die sowohl durch eine räumliche Segregierung als auch durch eine infrastrukturelle Unterausstattung gekennzeichnet sind. Beides, sowohl die Auswahl der Untersuchungsgruppen als auch die verwendete Befragungsmethode, soll soweit standardisiert werden, daß dieser Untersuchungsansatz in den folgenden Förderphasen auf ähnliche Analysen in anderen Ländern übertragen werden kann.

3.5.2.2 Längsschnittanalysen kritischer Lebensereignisse

Der besondere Vorteil der ersten Untersuchungsansatzes besteht darin, daß er eine Mikroanalyse der Startpunkte, Beschleuniger und Auffangmechanismen von Exklusionskarrieren erlaubt, die eine Ausleuchtung der biographischen Bedeutung dieser Prozesse für die Individuen und deren Identitätsbildung einschließt. Aufgrund der kleinen Fallzahlen sind jedoch die bei diesem Ansatz festgestellten Bedingungen, unter denen in den ausgewählten Gruppen Exklusionen entstehen bzw. verhindert werden, nur bedingt auf die gesamte Bevölkerung verallgemeinerbar. Die Gefahr der Beschreibung von "Einzel"fällen ist daher groß. Aus diesem Grund soll parallel dazu in einer Sekundäranalyse vorhandener Längsschnittdatensätze untersucht werden, welche Exklusionsrisiken mit Lebensereignissen wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Ausbildungsabbruch, Migration, Scheidung, Trennung und sonstigen Veränderungen der Haushaltszusammensetzung verbunden sind.

Dieser zweite Untersuchungansatz ist bereits in der ersten Förderphase ländervergleichend angelegt. Datenquelle für die Bundesrepublik ist das Sozio-ökonomische Panel, in dem entsprechende Ereignisse systematisch abgefragt werden bzw. aus den anderen erhobenen Merkmalen (z.B. zur Haushaltszusammensetzung oder zur Erwerbsbiographie) abgeleitet werden können. Ähnliche Paneldaten mit einer vergleichbar langen Laufzeit existieren für Frankreich (Enquête Socio-Economique auprès des Ménages Lorrains), die USA (Panel Study of Income Dynamics) und Großbritannien (British Household Panel). Panels mit einer (bisherigen) kürzeren Laufzeit existieren u.a. in Ungarn, Polen, Schweden und einigen anderen Ländern. Ein Großteil dieser Studien ist als public use files für die Wissenschaft zugänglich, zum Teil bereits in aufbereiteter Form, um ländervergleichende Analysen zu ermöglichen (vgl. das PSID-GSOEP-BHPS public use file oder das PACO Projekt bei CEPS/Instead, Luxemburg).[12]

Ländervergleichende Analysen der Risiken kritischer Lebensereignisse wurden zumeist unter Armuts- und Einkommensaspekten durchgeführt (vgl. z.B. Ruspini 1998, OECD 1998). In dem hier beantragten Projekt wird es darum gehen, neben solchen Einkommensanalysen, die im wesentlichen auf die Exklusionsrisiken am Arbeitsmarkt (mit entsprechenden Einkommensausfällen) und die Inklusionsmechanismen des Sozialstaats (mit entsprechenden Einkommenstransfers) abstellen, auch mögliche Exklusionen aus anderen Funktionssystemen (Familie, Politik) und aus sozialen Netzwerken und Organisationen zu untersuchen. In einem ersten Untersuchungsschritt sollen zunächst die Lebensverläufe der Individuen aus den Längsschnittdaten rekonstruiert werden, die eines der genannten kritischen Lebensereignisse erfahren haben. Dabei geht es darum, die quantitativen Informationen über die sich an das Ereignis anschließenden Veränderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen (Haushalt/Familie, soziale Netzwerke, Arbeitsmarkt, soziale Sicherungssysteme, Partizipation usw.) im Gesamtzusammenhang des individuellen Lebenslaufs zu interpretieren und zu einer Typologie zu verdichten. In einem zweiten Untersuchungsschritt sollen dann die gefundenen Wirkungszusammenhänge in einer statistischen Analyse überprüft werden.

Bei den Vergleichen der Risiken kritischer Lebensereignisse zwischen den ausgewählten Ländern soll im einzelnen untersucht werden, welche Konsequenzen die in Abschnitt 3.5.1.4 diskutierten wohlfahrtsstaatlichen Modelle für die Exklusionsrisiken der Individuen haben. Auf einer sehr allgemeinen Ebene läßt sich für das konservative Modell der Typologie vermuten, daß es eher einer Spaltung der Gesellschaft in Erwerbstätige und Erwerbslose förderlich ist, die nur so lange überlebensfähig ist, als die Finanzierungskosten dieser Spaltung bewältigbar sind, die Modernisierungsdefizite aufgrund der Strukturerhaltung nicht Überhand nehmen und die Absicherung der nicht mehr am Erwerbsleben direkt oder indirekt partizipierenden Personen gewährleistet ist. Das sozialdemokratische Modell zielt dagegen auf die Inklusion aller Gesellschaftsmitglieder ab, so daß man hier die geringsten Exklusionsrisiken vermuten würde. Allerdings hat dieses Modell in der Vergangenheit (z.B. in Schweden) mit ganz erheblichen Finanzproblemen zu kämpfen gehabt und muß sich in letzter Zeit im wesentlichen auf (re)integrative Arbeitsmarktpolitik beschränken, die allerdings in zentralen Aspekten von der Prosperität des Wirtschaftssystems abhängig ist. Für das liberale Modell läßt sich schließlich eine Zunahme der Exklusionsrisiken dann vermuten, wenn die Inklusion der Gesellschaftmitglieder insbesondere durch die Funktionssysteme Wirtschaft und Familie nicht gelingt. In Zeiten eines lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs, wie ihn z.B. die USA seit einigen Jahren erleben, sind Exklusionen jedoch allenfalls an den "Rändern" des Wirtschaftssystems, d.h. in den unteren Beschäftigtengruppen (Stichwort: working poor) und außerhalb der sozialräumlichen Zentren wirtschaftlicher Aktivität, zu beobachten.

Es ist jedoch eine bekannte Tatsache, daß diese (und andere) Typologien für die Analyse konkreter Wohlfahrtsstaaten angesichts vielfältiger Mischformen institutioneller Arrangements relativ grobkörnig sind. Von daher ist im Zuge der Ländervergleiche der empirische Gehalt der Typologie zu überprüfen, und natürlich sind auch andere Einflußfaktoren, z.B. Unterschiede des Arbeitsmarktes und der privaten Lebensformen, zu kontrollieren. In diesem Sinne ist auch die Beschränkung der Ländervergleiche in der ersten Förderphase auf die BRD und die USA zu verstehen: Es sollen zunächst zwei Länder kontrastiert werden, deren wohlfahrtstaatliche Regimes in vielerlei Hinsicht grundverschieden sind und die gewissermaßen prototypisch für das konservative und das liberale Modell in Esping-Andersens (1990) Typologie stehen.

3.5.2.3 Fallstudien ausgewählter Länder

Wie bereits mehrfach erwähnt, ist die vergleichende Analyse sozialer Risiken ein Thema der international vergleichenden Sozialpolitikforschung. Diese beschränkt sich in der Regel auf die Mitgliedsländer der OECD, während die in Abschnitt 3.5.1.4 genannten nicht-europäischen Länder eher vernachlässigt werden. Sollen diese Länder, wie beabsichtigt, in unsere vergleichenden Analysen einbezogen werden, dann ist zunächst der Wissensstand über die inklusionsvermittelnden Instanzen dieser Länder aufzuarbeiten und dabei die Frage zu prüfen, wie und mit welchen praktischen Schwierigkeiten vergleichende empirische Untersuchungen dort durchführbar sind. Mit den Länderstudien verbinden wir daher im wesentlichen zwei Ziele: erstens eine theoriegestützte Rekonstruktion des Verhältnisses der wesentlichen Funktionssysteme (Wirtschaft, Politik, Familie, Recht, Erziehung, Religion) des jeweiligen Landes in Bezug auf die Inklusions-/Exklusionsproblematik und zweitens eine Machbarkeitsanalyse des unter 3.5.2.1 beschriebenen biographischen Ansatzes für das jeweilige Land. Letzteres beinhaltet sowohl die Überprüfung der Übertragbarkeit der Erhebungsmethode (biographische Interviews) als auch die Auswahl geeigneter Vergleichsgruppen.

Materialiter bestehen die Länderstudien in weiten Teilen aus einer Literaturexpertise. Zusätzlich muß im Rahmen der Machbarkeitsanalyse aber auch die Frage des Feldzugangs und möglicher Kooperationspartner vor Ort geklärt werden. Beide Arbeitsausgaben können typischerweise nur von Wissenschaftler/inne/n erledigt werden, die mit den ausgewählten Ländern vertraut sind. Hierzu greifen wir auf entsprechende Kontakte des Forschungsschwerpunktes Entwicklungssoziologie an der Fakultät für Soziologie zurück.

3.5.3 Methoden

Im Rahmen des Projektes sind neben Sekundäranalysen vorhandener Längsschnittdaten eigene Datenerhebungen geplant. Wir beschreiben zunächst die Erhebungsmethoden, um dann auf die Auswertung sowohl der biographischen Interviews als auch der Paneldaten einzugehen.

Die ausgewählten Personen der im Arbeitsprogramm beschriebenen Risikogruppen sollen mit Hilfe der (sozio-)biographischen Methode befragt werden (Fischer-Rosenthal 1995, Smith 1994). Biographische Interviews haben dabei den Vorteil, daß sie sowohl die sozialstrukturellen Voraussetzungen mit Bezug auf die Inklusion in einzelne Funktionskontexte erfassen können, wie sie auch gleichzeitig der Frage nachgehen können, welche Bedeutung Erfahrungen der kumulierten Exklusion für die Anfertigung von biographischen Beschreibungen und Orientierungen haben. Die Interviews sollen aus einer eher narrativ angelegten Einstiegs- und Hauptphase bestehen, in der die Untersuchungspersonen über die Ziele und das Vorgehen des Interviews informiert werden und anschließend ihren bisherigen Lebenslauf erzählen. Der Einstiegsimpuls des narrativen Teils sollte an das kritische Lebensereignis anknüpfen, das zur jetzigen Lebenslage der Person geführt hat, also die Trennung oder Scheidung vom Partner, den Beginn der Arbeits- oder Wohnungslosigkeit sowie die Migration oder das Aufwachsen in einer fremden Kultur. Daran soll sich eine durch Leitfragen halbstandardisierte Nachfragephase anschließen, in der offene Fragen und Unklarheiten in der Erzählung der Person ausgeräumt und die bisherige Karriere der Person mit Blick auf das oben skizzierte begriffliche Instrumentarium (Funktionssysteme, Leistungs- und Publikumsrollen) systematisch rekonstruiert werden sollen. Die narrativen (Eingangs- und Hauptphase) und halbstandardisierten (Nachfragephase) Teile des Interviews können zeitlich auseinanderfallen, wenn das für die Aufmerksamkeit der Untersuchungspersonen hilfreich ist. Voraussetzung ist allerdings, daß der narrative Teil in einer Weise aufgezeichnet ist, daß man an diese Erzählungen ohne größere Erinnerungslücken anknüpfen kann. Auch für die Untersuchung der Lebenslaufstationen und der sozialen Netzwerke der Personen bietet sich eine zeitlich getrennte Erhebung an, bei der nicht nur qualitative Erhebungsmethoden, sondern auch standardisierte Instrumente der Lebenslauf- und Netzwerkforschung verwendet werden können.

Für die Auswertung der biographischen Interviews, aber auch für eine erste Analyse der quantitativen Längsschnittdaten bieten sich interpretative Verfahren der Typenbildung an. Wir werden hierzu auf die idealtypische Strukturanalyse zurückgreifen, die von Uta Gerhardt entwickelt wurde und auf Max Webers (1980, 1988a,b) methodologischen Schriften über den Idealtypus aufbaut. Ausgehend von der Vielfalt empirischer Einzelfälle bzw. individueller Lebensverläufe ermöglicht es dieses Verfahren, zu abstrahieren und zu allgemeineren Typen bzw. Strukturen vorzudringen. Empirisch eingesetzt wurde diese Methode bisher u.a. von Gerhardt (1986b) in einer Studie über Patientenkarrieren und von Ludwig (1996) in einer Untersuchung von Armutskarrieren. Konkret beginnt die idealtypische Strukturanalyse mit den einzelnen Fällen bzw. Verläufen: Der erste Schritt der Analyse besteht in der "Fallrekonstruktion" und "Fallkontrastierung". Dabei soll das Verlaufsgeschehen in jedem untersuchten Einzelfall überblicksartig dargestellt und interpretiert werden, wobei wichtig ist, daß "der Verlauf bzw. die Progression des Falles intakt gelassen" wird (Gerhardt 1986a: 68). Die Fallkontrastierung besteht dann in einem Vergleich der Einzelfallrekonstruktionen nach dem Prinzip minimaler und maximaler Kontrastierung, d.h., der Vergleich orientiert sich in erster Linie an einander sehr ähnlichen bzw. sehr unterschiedlichen Einzelfällen. Dabei werden "typische Grundmuster" (Gerhardt 1986b: 87) bzw. "'Achsen' für die Verallgemeinerungsfähigkeit der Fallbesonderheiten gesucht" (Gerhardt 1991a: 438). Der zweite Analyseschritt, der auf den Ergebnissen des ersten aufbaut, besteht in der "Idealtypenbildung". Hierbei wird das aufbereitete empirische Material "durch Bewußtmachung des Erkenntnisinteresses zu heuristischen Konstrukten verdichtet, die idealtypisch Hypothesen über 'objektiv mögliches' Prozeßgeschehen formulieren" (Gerhardt 1986a: 71). Die Idealtypen werden somit abgeleitet aus den Strukturen, die sich -- bei Zugrundelegung der Fragestellung des Forschers -- aus dem empirischen Material ergeben. Sie sind jedoch keine Verkörperung der Wirklichkeit mehr, sondern Gedankenbilder, die "reine", idealisierte Verläufe darstellen. Um der Willkür bei der Idealtypenbildung Einhalt zu gebieten, formuliert Gerhardt in Anlehnung an Weber drei Prüfkriterien: Wissensprüfung, Fortdenken und Erfahrungsprobe (zu den Einzelheiten vgl. Gerhardt 1986a). Der dritte Analyseschritt, das "Einzelfallverstehen", besteht schließlich in der Konfrontation der Einzelfälle mit den Idealtypen. "Dabei wird der Idealtypus benutzt, um beim Einzelfall nachzuzeichnen, inwieweit hier typisches Geschehen abläuft oder andererseits eher durch Zufall, glückliche bzw. widrige Umstände oder Fehleinschätzung verursachtes Handeln/Geschehen" (Gerhardt 1991a: 438). Der Einzelfall wird also am Idealtypus "gemessen" und hierüber verstanden.

Da diese Analysemethode bereits mehrfach mit Erfolg für die Analyse von qualitativen Längsschnittdaten genutzt wurde (s. oben), ist ihre Eignung für die Auswertung der biographischen Interviews evident. Wir wollen sie jedoch auch für eine erste, eher interpretative Analyse der quantitativen Paneldaten einsetzen (für eine entsprechende Anwendung auf Armutskarrieren vgl. Andreß/Schulte 1998), ehe die Paneldaten in einem zweiten Analyseschritt mit multivariaten statistischen Analyseverfahren (Ereignisanalyse, logistische Regression, usw.) ausgewertet werden. Aufgrund unserer Erfahrungen aus einem früheren DFG-Projekt über die Versorgungsstrategien privater Haushalte im unteren Einkommensbereich (An 210/1-1,2) scheint uns eine "vorschnelle" massenstatistische Auswertung aus mehreren Gründen zweifelhaft. Erstens ist der inhaltliche Ertrag vieler quantitativer Analysen, die nur aus simplen Korrelationen von Statusänderungen im Vorjahr t-1 mit Ereignissen im aktuellen Jahr t bestehen, begrenzt. Zweitens sind Paneldaten häufig nicht so präzise erhoben, daß man die exakte zeitliche Abfolge verschiedener Ereignisse direkt erschließen kann. Und selbst wenn man es könnte, dann ist es immer noch schwierig, zwischen Antizipation und Reaktion zu unterscheiden -- sowohl empirisch als auch theoretisch. Auch hier erscheint es uns sinnvoll, zunächst die Daten selbst zu konsultieren, statt diese Unsicherheiten durch vorschnelle Annahmen unter den Tisch zu kehren. Schließlich geht es hier drittens um die Auswirkungen von kritischen Lebensereignissen auf die Inklusion in Leistungs- und Publikumsrollen in unterschiedlichen Lebensbereichen, bei denen eine Fülle von Wechselwirkungen zu erwarten sind, die im übrigen durch den Haushaltskontext und das soziale Netzwerk des Individuums modifiziert werden. Wir bestreiten nicht, daß für einzelne Zusammenhänge testbare Hypothesen existieren, jedoch scheint es uns in einem ersten Zugang zu den Daten sinnvoller, durch (interpretative) Rekonstruktion des Geschehens in ausgewählten Panelhaushalten typische Karrieren und Bewältigungsmuster nach einem solchen Ereignis zu identifizieren, deren quantitative Bedeutung dann in einem zweiten Schritt durch entsprechende statistische Analysen überprüft werden kann.

3.5.4 Zeitplan

Die nachfolgende Tabelle 3 enthält Zeitaufwandsschätzungen (in Personenmonaten) für die einzelnen Arbeitspakete.

Tabelle 3 hier einfügen

3.5.5 Literatur zu 3.3-3.5

Andreß, H.J. (1989a): Recurrent unemployment - the West German expierience. An application of count data model to panel data. European Sociological Review 5: 275-297

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Andreß, H.J. (1996b): Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit. Eine empirische Analyse langfristiger Folgen von Arbeitslosigkeit mit Krankenkassendaten. S. 227-273 in: Behrends, J. / Voges, W. (Hg.): Kritische Übergänge - Statuspassagen und sozialpolitische Institutionalisierung. Frankfurt am Main: Campus.

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3.6 Stellung innerhalb des Programms des Sfb

Da das beantragte Projekt auf die Untersuchung von Glokalisierungsprozessen sowie die Veränderung von Strukturformen ausgerichtet ist, ergeben sich im Hinblick auf die Erforschung von Globalisierung Verbindungen zu vier Forschungsfeldern, von denen jeweils zwei dem Bereich der "Globalisierungsdynamiken" und dem Bereich der "Strukturformen" zuzurechnen sind. In diesen vier Feldern bieten sich sodann konkrete Kooperationen mit folgenden Teilprojekten des Sfb an.

3.6.1 Globalisierungsdynamiken

Im Hinblick auf das Teilziel 1 geht es uns darum, im Rahmen von Fallstudien ausgewählter Länder innerhalb und außerhalb der OECD die aktuell vorfindlichen, jedoch historisch gewachsenen Relationierungen der wichtigsten Funktionssysteme zu beschreiben. Für die historische Kontextuierung des u.a. beabsichtigten Vergleichs der USA und der Bundesrepublik sind die Ergebnisse des Teilprojektes B1 (Abelshauser) von Bedeutung. Die Länderstudie in Lateinamerika soll auch auf die Ergebnisse des Teilprojektes A6 (Tyrell) zurückgreifen und ist daher erst für das letzte Jahr (2002) der ersten Förderphase vorgesehen. Schließlich ist mit Herrn Leisering verabredet, daß er seinen Sachverstand und seine Feldkontakte in Südostasien in die Fallstuden einbringt, auch wenn die Professur Sozialpolitik in der ersten Förderphase noch nicht mit einem Projekt im Sfb vertreten ist.

Die Inklusions- bzw. Exklusionsproblematik, die im Rahmen des Teilziels 3 aus der Sicht der Individuen untersucht werden soll, ist auch Gegenstand anderer Teilprojekte, mit denen sich daher Kooperationen anbieten. Beispielsweise kann unser Projekt die Exklusionsproblematik für die in der Bundesrepublik lebenden Ausländer angesichts der Heterogenität dieser Gruppe nur ausschnitthaft analysieren, so daß es sinnvoll erscheint, die von uns erhobenen Biographien der Türken durch entsprechende Migrationsbiographien der in Teilprojekt C3 (Schlee) betrachteten Ausländergruppen aus Afrika zu ergänzen. Die Frage der Inklusion durch die Funktionssysteme Religion und Sport spielt im übrigen in den Teilprojekten A6 (Tyrell) und B2 (Cachay) eine Rolle und gibt uns die Chance, das Spektrum der betrachteten Exklusionsrisiken und Inklusionschancen (vgl. Tabelle 1) zu erweitern.

3.6.2 Strukturformen

Im Hinblick auf die Teilziele 4 und 5 geht es darum, einerseits unterschiedliche, nationalstaatliche Muster der strukturellen Kopplung von Funktionssystemen herauszuarbeiten und andererseits die Spezifika der dadurch geformten Exklusionskarrieren zu beschreiben. Die diesbezüglichen Projektarbeiten basieren auf den empirischen Forschungen, sind jedoch im wesentlichen theoretischer Natur. Das Projekt befindet sich hier in einem Diskussionszusammenhang mit anderen Teilprojekten, die sich ebenfalls mit spezifischen Funktionssystemen (Wirtschaft, Massenmedien, Politik, Wissenschaft, Gesundheit, Religion) im internationalen Vergleichen befassen (B1 Abelshauser, A2 Stichweh, D3 Japp, A4 Weingart, B3 Stollberg). Zum Problem der strukturellen Kopplung von Funktionssystemen soll in der zweiten Hälfte des Jahres 2001 eine Arbeitstagung des Sfb durchgeführt werden.

Was die Spezifika von Lebensläufen unter Globalisierungsbedingungen anbetrifft, so ergeben sich in der ersten Förderphase interessante Vergleiche mit den Projekten, die direkt oder indirekt auf Personengruppen abzielen, deren individuelle Biographien aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit in globalen Organisationen aus dem jeweiligen nationalen Kontext herausgelöst werden: Während beispielsweise das Teilprojekt A5 (Evers) von der Hypothese sich vereinheitlichender Lebensstile und Biographien transnationaler Entwicklungsexperten ausgeht, steht in unserem Projekt die Frage im Vordergrund, ob und wie sich Exklusionskarrieren aufgrund der nationalen Besonderheiten voneinander unterscheiden. Ähnliche Fragestellungen werden in der zweiten Förderphase hinzukommen, so etwa in Projekten über Integrationsprozesse von Ausländern in den Aufnahmegesellschaften (Blossfeld) und über flexibilisierte Lebensläufe und familiale Lebensführung hochqualifizierter Frauen (Geissler).

3.7 Ergänzungsausstattung für das Teilprojekt

Wird nicht publiziert.

Tabellen und Abbildungen

Tabelle 1: Beispiele für Exklusionen aus verschiedenen Funktionssystemen

System

Politik

Wirtschaft

Erziehung

Gesundheit

Religion

Recht

Leistungen

Macht

Inklusion

Produktion

Einkommen

(Aus)

Bildung

Therapie

Seelsorge

Konfliktregulierung

Verhaltenstherapie

Leistungsrollen

Politiker

Verwaltung

Produzent

Lehrer

Arzt

Priester

Anwalt

Richter

Publikumsrollen

Wähler

Leistungsempfänger

Konsument

Lernender

Patient

Laie

Kläger

Beklagter

Exklusionen

           
a. expliziter Ausschluß durch das Funktionssystem

keine Wahlbeteiligung

keine

Leistungsberechtigung

Kündigung

Konkurs

Schulverweis

Therapieverweigerung

Kirchenausschluß

keine Rechtsfähigkeit

b. keine inklusive Kommunikation

Nichtwähler

keine Inanspruchnahme von Leistungen

mangelnde Zahlungsfähigkeit

Ausbildungsabbruch

keine

Inanspruchnahme

keine

Inanspruchnahme

mangelnde Rechtsvertretung

Tabelle 2: Untersuchungsgruppen der biographischen Interviews

Gruppe

Alleinerziehende

Ausländer

Langzeitarbeitslose

Obdachlose

Führungskräfte

früh

Noch nie verheiratet

 

N=20

Türken,

1. Generation

 

N=20

Bei Einstieg in das Erwerbssystem

N=20

Kinder/

Jugendliche

("Straßenkinder")

N=15

 

 

 

N=20

Biographie

         

spät

Nach

Scheidung bzw. Trennung

N=20

Türken,

2. Generation

 

N=20

In der Mitte bzw. gegen Ende des

Erwerbslebens

N=20

Erwachsene

("Nichtseßhafte")

N=15

 

Exklusionsrisiken

Familie,

Wirtschaft

Politik, Recht

Wirtschaft

Familie,

Erziehung, Wirtschaft ("Adressierbarkeit")

Familie

Tabelle 3: Geschätzter Zeitaufwand für die einzelnen Arbeitspakete

Arbeitspakete (Angaben in Personenmonaten)

2000

2001

2002

Theoretischer Bezugsrahmen

8

4

4

Entwicklung der Erhebungsinstrumente

2

-

-

Durchführung von Testinterviews

1

-

-

Expertengespräche, Feldzugang

1

-

-

Durchführung biographischer Interviews

20

20

-

Transkription der Interviews

10

20

2

Auswertung der Interviews

-

8

12

Installation von Paneldaten, Datenaufbereitung

2

-

-

Typologische Auswertung der Paneldaten

8

-

-

Statistische Auswertung der Paneldaten

8

8

12

Länderstudie Lateinamerika

-

-

12

Länderstudie Westafrika

-

12

-

Länderstudie Südostasien

-

12

-

Abschlußbericht und Fortsetzungsantrag

-

-

30

Gesamt

60

84

72

Anmerkungen

  1. "Resources are things which do not have intrinsic value but which we can use to produce or otherwise acquire things of intrinsic value. You cannot eat money, but if you have money you can buy consumption goods. Concepts of welfare, including poverty concepts, can be classified as direct or indirect depending on how they are defined. Direct concepts define welfare in terms of intrinsic goods, such as consumption or quality of life. Indirect concepts define welfare in terms of resources, such as disposable income" (Ringen 1988: 355; Herv. im Original).

  2. Vgl. beispielhaft die schon etwas ältere Debatte in der Zeitschrift für Soziologie, die durch einen Aufsatz von Heinze et al. (1981) angestoßen wurde und an der sich Kohl/Leisering (1982), Heinze et al. (1983) sowie Klein (1987) beteiligten.

  3. Eine interessante dimensionale Analyse möglicher Ausgrenzungsmechanismen findet sich bei Kronauer (1997). Neben der Ausgrenzung am Arbeitsmarkt unterscheidet er zwischen ökonomischer, kultureller, sozialer, räumlicher und institutioneller Ausgrenzung.

  4. Ein radikaler Wille zur Exklusion hat dann nur noch die Möglichkeit, das Gegenüber zu töten. Vielleicht ist diese Unmöglichkeit einer physischen Expulsion aus Gesellschaft einer der Gründe, warum Genozid in der Moderne ein zunehmend wahrscheinliches Ereignis wird. Vgl. zu Genozid und Exklusion Gamson (1995).

  5. Vgl. etwa Epstein (1998: 28): "In the past poverty meant leaky roofs, exposed sewage, poor nutrition, and risky workplaces, and the diseases of poverty included tuberculosis, cholera, and scarlet fever. Today poverty means not being able to entertain friends, buy children new clothes, eat out, or have holidays. [...] being poor today means feeling powerless and excluded from society."

  6. Für einen kurzen Überblick über Sozialstaatstheorien und deren Krisendiagnosen vgl. Blanke (1998).

  7. Kronauer (1998b: 122) spricht in diesem Zusammenhang von den "Übersetzungsregeln", ist allerdings skeptisch, ob sich solche Regeln im Rahmen der Systemtheorie entwickeln lassen.

  8. Ursprünglich stammt dieser Begriff aus der (weitestgehend) psychologischen Bewältigungsforschung (vgl. z.B. Filipp 1981).

  9. Dieses Argument ist, wie unmittelbar auffallen wird, parallel zu dem Argument, das Wallerstein für die Entstehung der Weltgesellschaft geltend gemacht hat: eine im 15./16. Jahrhundert entstehende und sich verfestigende Nichtidentität der Grenzen von Wirtschaft und Politik (Wallerstein 1974). Damit wird einmal mehr deutlich, daß die Integrationsleistungen des nationalen Wohlfahrtsstaats nur ein kurzes Intermezzo in der Geschichte der Weltgesellschaft waren.

  10. Robert Koehler, SGL Carbon, zit. in FAZ 14.3.97, S. 21.

  11. Um einen besseren Vergleich mit den Alleinerziehenden zu ermöglichen, sollten möglichst viele der ausgewählten Führungskräfte weiblichen Geschlechts sein.

  12. Vgl. http://www.diw.de/soep/ bzw. http://www.ceps.lu/paco/pacopres.htm.


© Hans-Jürgen Andreß 22. April 1999